Die Zeit, in der Geister durchs Land jagen

von Redaktion

Die Nächte zwischen Weihnachten und Neujahr waren eine besondere Zeit: Während der Rauhnächte zogen dem Volksglauben zufolge die Geister durch das Land. Doch die Bürger wappneten sich – und versuchten, mit Ritualen dem Bösen zu trotzen.

VON CLAUDIA SCHURI

Burghausen – Es ist dunkel und kalt, der Wind pfeift durch die Hütten, die Holzbalken krächzen besonders laut. Ganz schön gruselig – und die perfekten Voraussetzungen für die Entstehung von Mythen und Aberglaube. Die zwölf Rauhnächte zwischen Weihnachten und Dreikönig waren früher eine besondere Zeit. „Die Leute haben sich von den Mühen des Jahres ausgeruht, die Uhren standen still und die Tore zur Geisterwelt waren geöffnet“, erklärt Karin Seehofer. Die 60-Jährige ist Stadtführerin in Burghausen (Kreis Altötting) und Rauhnachts-Expertin. Heuer hat sie eine Führung dazu angeboten – passend zum Thema mit einer schaurigen Perchtenmaske in der Hand und gekleidet in Pelz.

Denn Dämonen mit Fell waren seit jeher eng mit den Rauhnächten verbunden. Im Mittelhochdeutschen bedeutete das Wort „rûch“ haarig. „Womöglich geht darauf der Name der Rauhnächte zurück“, sagt Seehofer. „Weitere Theorien sind, dass der Begriff vom Ausräuchern oder von ,rau‘ im Sinne von kalt und ungemütlich kommt.“

Behaglich ging es während der Rauhnächte wahrlich nicht zu: Der Gott Wotan soll mit seinem Gefolge aus Geistern, Toten, Pferden und anderen Gefährten durch das Land gezogen sein. Das Mysteriöse: „Kein Blatt hat sich gerührt“, sagt Seehofer. „Wer nicht aufgepasst hat, ist mitgenommen worden.“ Die einzige Rettung: „Man musste sich auf den Boden legen und die Arme und Beine überkreuzen.“ Auch das Ausräuchern von Haus und Stall galt als guter Schutz. Vermeiden sollte man dagegen, während der Rauhnächte Wäsche zu waschen und aufzuhängen. „Die Leute glaubten, dass sich darin die Wilde Jagd verfangen kann“, erklärt Seehofer, „und dass böse Geister ins Haus kommen.“

Zum Heer der Wilden Jagd gehörte auch Frau Percht. „Sie belohnt das Gute und bestraft das Böse“, berichtet Seehofer. Die Figur ist noch immer bekannt: „Sie wird oft mit Frau Holle gleichgesetzt.“ Die Perchtenläufe, bei denen schaurige Gestalten durch viele bayerische Dörfer ziehen, gehen ebenfalls auf die Wilde Jagd zurück. „Je höher die Perchten springen, desto höher wächst das Korn, dachte man zum Beispiel“, erklärt Seehofer.

Wichtig für eine gute Ernte war auch, nach der Neujahrsmesse schnell die Kirche zu verlassen, weiß sie: „Wer als Erster draußen ist, sollte im neuen Jahr als Erster mit der Ernte fertig sein.“ Für Gichtkranke gab es in der Silvesternacht zudem die Chance auf Heilung – vorausgesetzt, sie zogen blank. „Es hieß, dass man nachts nackt auf den Friedhof gehen und das Moos von den Kreuzen sammeln sollte“, sagt Seehofer. „Das galt als besonders heilsam.“

Eine weitere besonders wichtige Rauhnacht war die Heilige Nacht. Wer seine Tiere sprechen hören wollte, gab ihnen eine Extraportion Futtter – auch wenn er dann nicht immer gute Nachrichten erfuhr. Karin Seehofer kennt eine tragische Geschichte: „Ein Bauer hat gehört, wie sich zwei Pferde streiten, wer ihn nächstes Jahr auf den Friedhof bringt“, erzählt sie. „Er starb tatsächlich.“

Die Rauhnächte waren Orakelzeit. Mädchen stellten sich mit dem Rücken zur Tür, warfen einen Pantoffel über die Schulter – und je nachdem, wie der Schuh fiel, wussten sie, ob sie bald heiraten werden. Jede Rauhnacht symbolisierte außerdem einen Monat im neuen Jahr. „Wenn zum Beispiel ein Tag besonders nass war, ist man davon ausgegangen, dass es in dem passenden Monat viel regnet“, sagt Seehofer.

Ist das heute alles nur längst überholter Hokuspokus? Nicht ganz, findet Karin Seehofer. „Vieles lässt sich auf unsere Zeit übertragen“, sagt sie. „Anstatt keine Wäsche zu waschen, kann man zum Beispiel die schweren Arbeiten ruhen lassen. Denn die Rauhnächte sind eine gute Gelegenheit, um zur Ruhe zu kommen.“

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