München – Es ging ja schon gut los: Den eigentlichen Aufreger setzte Ministerpräsident Markus Söder schon im November 2018, als er es fertigbrachte, im offiziellen Festakt zum 100. Geburtstag des Freistaats in der Münchner Oper den Namen Eisner kein einziges Mal zu erwähnen. Da war schon klar, dass es wohl nichts werden würde mit einer Versöhnung konservativer Bayern mit dem Sozialisten Kurt Eisner, der am 8. November 1918 in einem revolutionären Akt Bayerns Monarchie und den unglücklichen König Ludwig III. hinweggefegt hatte.
Obwohl Geschichte selten so spannend erzählt werden kann wie hier (daher auch unser mittlerweile vergriffenes Magazin zu 100 Jahre Freistaat): Zu einer großen Ausstellung zur bayerischen Revolution ließ sich das neu eröffnete Museum der bayerischen Geschichte in Regensburg auch in diesem Jahr nicht hinreißen. Chance bewusst vertan – es ist schon erstaunlich, wie schwer sich der regierungsamtliche Freistaat 100 Jahre danach immer noch mit Kurt Eisner und den Seinen tut.
Sei’s drum: Im Jubiläumsjahr kamen immerhin eine Reihe von Neuerscheinungen auf den Markt, die zum Nachdenken anregen. Und das auf ganz unterschiedliche Weise.
Der Kreisheimatpfleger von Weilheim-Schongau, Helmut Schmidbauer, rechnet im jüngst erschienenen Heimatbuch seines Landkreises mit der Revolution ab. Seinen Einschätzungen, wiewohl lesenswert, wird man nur schwer folgen können. So schreibt er, Eisner habe „eine turmhohe Schuld auf sich geladen“ und den Umsturz „abenteuerlich“ inszeniert. Die Revolution hält Schmidbauer für „eines der großen Verhängnisse“ in der bayerischen Geschichte. Er hält es allen Ernstes auch im Nachhinein für besser, wenn Bayern damals den Weg einer konstitutionellen Monarchie – gestärkte Parlamentsrechte, aber mit einem König – beschritten hätte. Tatsächlich war das 1918 kaum vorstellbar, Bayern wäre damit unter den mehr als 20 Ländern des Deutschen Reiches die einzige Monarchie geblieben.
Wir wollen nicht ungerecht sein: In Details rückt der pensionierte Schongauer Geschichtslehrer manche Einschätzung eingeschworener Eisner-Fans zurecht. So etwa, wenn er auf die schwierige Genese des Begriffs Freistaat hinweist – Eisner sprach ja tatsächlich meist von Volksstaat, das alleinige Urheberrecht auf den Freistaat kann er nicht beanspruchen. Das ist zwar bekannt, ging aber im Jubiläumsjahr etwas unter. Nicht unwidersprochen bleiben darf indes Schmidbauers geradezu hymnische Wertung des Eisner-Mörders Arco. Er ist für ihn „bayerisch-patriotisch-konservativ“, ein Patriot, eine Art Parade-Bayer. Von Antisemitismus spricht er ihn einfach frei. Dass Arco in Aufzeichnungen, die die Polizei nach dem Mord in seinem Pensionszimmer fand, ein eindeutiges Bekenntnis ablieferte („Ich hasse die Juden“), ignoriert Schmidbauer einfach.
Es wäre einmal interessant, den Kreisheimatpfleger zu einer Diskussion von Hans Well zu bewegen, dessen famoses Hörspiel „Rotes Bayern“ in diesem Jahr den Deutschen Hörbuchpreis gewann. Oder aber auch mit dem begnadeten Grafinger Autodidakten Günter Baumgartner, der in akribischer Arbeit die Revolutionsereignisse in nahezu jedem oberbayerischen Dorf nachgezeichnet hat. 648 Seiten Geschichte pur – ein staunenswerter Wälzer.
Baumgartner, in dieser Zeitung schon ausführlich vorgestellt, lud Ende Oktober in Grafing zur Buchpräsentation, servierte die Armeleutespeise von damals (Dotschntauch – schmeckt gar nicht mal so schlecht) und dann sangen 40 Leute aus Leibeskräften Revolutions- und Volkslieder. Das wäre was für das Münchner Nationaltheater gewesen!
Literaturhinweise
Helmut Schmidbauer: Kurt Eisner (1867–1919) und sein Attentäter Anton Graf Arco-Valley (1897–1945), in Lech-Isar-Land. Heimatkundliches Jahrbuch 2020
Günter Baumgartner/Dietrich Grund: Die bayerische Revolution 1918/19 in Stadt & Land, Verlag Edition AV
Hans Well: Rotes Bayern – Es lebe der Freistaat!, CD, Der Hörverlag.