Wien/München – Für die kaiserliche Familie hatte sie fast nur Spott übrig. „Ihr lieben Völker im weiten Reich, so ganz im Geheimen bewundere ich euch: Da nährt ihr mit eurem Schweisse und Blut, Gutmütig diese verkommene Brut.“ So Abfälliges reimte Kaiserin Elisabeth (1837–1898) über das Herrschergeschlecht der Habsburger. Die von Romy Schneider in den „Sissi“-Filmen von Hubert Marischka so lieb verkörperte Kaiserin brachte ihre Gedanken, ihren Zorn und ihre Träumereien in Reimform zu Papier.
Selbst ihr Testament war ein Seitenhieb auf die Dynastie. Sie verfügte, dass die Einnahmen ihrer tagebuchartigen Gedichtbände „zum besten politisch Verurteilter und deren hilfsbedürftigen Angehörigen“ verwendet werden sollen. Das war ein Affront gegen ihren Mann Franz Josef, der 1849, als die Ungarn gegen Österreich aufbegehrten und unabhängig werden wollten, die Aufständischen verfolgte und ungarische Anführer und Generäle hinrichten ließ. Daran erinnerte sich Sisi, die Ungarn über alles liebte, sicher bei ihrem Testament. „Zum Glück für die Kaiserin wusste Franz Josef nichts von ihrem Testament, denn politisch Verfolgte gab es im Reich Franz Josefs offiziell nicht, es gab nur Aufständische und Attentäter, gegen die gnadenlos vorgegangen wurde“, betont der Münchner Autor Alfons Schweiggert.
„Es ist bemerkenswert, dass sie zur damaligen Zeit bereits den Weitblick hatte und einen Teil des Erlöses des Tagebuch-Verkaufs gezielt dem Flüchtlingsschutz vermacht hat“, sagt der Leiter der UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Österreich, Christoph Pinter. UNHCR wurde von der Schweizer Regierung, in deren Hände Sisi ihr dichterisches Vermächtnis legen ließ, als Nutznießer der Zahlungen auserkoren. 15 000 Euro bekam die UN-Organisation zuletzt – und hilft damit Flüchtlingen und Asylsuchenden in der Ukraine. Das Geld helfe, die Schutzsuchenden bei der Eröffnung eines Ladens oder eines Handwerksbetriebs und bei Sprachkursen zu unterstützen. Sisis fast 400-seitiges Buch ist bisher in sieben Auflagen erschienen. 21 000 Exemplare wurden seit der ersten Auflage 1984 verkauft. Insgesamt 30 000 Euro sind an verschiedene UNHCR-Projekte gegangen.
Die Kaiserin habe Gedichte geschrieben „als Ausdruck ihrer vielfältigen Frustrationen“, sagt der Verlagsgeschäftsführer Thomas Jentzsch. Sie habe den Wiener Hof und die aristokratische Gesellschaft als nicht mehr zeitgemäß kritisiert. Damals herrschten die Habsburger von Wien aus über einen Vielvölkerstaat mit 50 Millionen Menschen, der 1918 mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg zerbrach. Die Gedichte, die von der mittlerweile verstorbenen Historikerin Brigitte Hamann aufgespürt und herausgegeben wurden, gelten nicht als lyrische Spitzenleistung. Dafür geben sie viel Persönliches preis, so die Klage der Kaiserin um die verlorene Liebe zu ihrem Mann Franz Joseph I.: „Wo ist der Schlüssel hingekommen? Ich sucht’ ihn ewig nicht hervor, den du zu meinem Herz genommen, der ging dir längst schon in Verlor’“, schrieb Elisabeth.
Besonders interessant ist das letzte von Sisi verfasste 32-strophige Gedicht mit dem Titel „Südliches Märchen“, das von der Entführung einer adeligen Dame berichtet. Während Brigitte Hamann meinte, dass „diese Entführungsgeschichte keinerlei Bezug zur Wirklichkeit habe“, wies der Autor Alfons Schweiggert nach, dass sich Sisi in diesem Gedicht ihre Ängste vor einem Entführung thematisierte. Der letzte Roman, den die Kaiserin las, war nämlich Marie Crawfords „Corleone“, der die Mafia auf Sizilien behandelt. Ihr Vorleser Mr. Barker wollte mit diesem Buch erreichen, dass die Kaiserin mehr auf ihre eigene Sicherheit achtet, erklärt Schweiggert. Die Anarchistengefahr war ihr zwar bekannt, dennoch lehnte sie alle Vorsichtsmaßnahmen ab, obwohl Attentate zu ihrer Zeit üblich waren. „Interessant ist, dass ihr Südliches Märchen unvollendet blieb“, sagt Schweiggert. „Den Schluss formulierte dann ihr eigenes Ende. Sie wurde zwar nicht entführt, aber von einem Anarchisten in der Schweiz erdolcht.“
Die Kaiserin, geprägt von Kummer und Einsamkeit, war eine für das 19. Jahrhundert ungewöhnliche Frau. Vom Körperkult besessen trainierte sie in ihrem eigenen Fitnessstudio. Sie galt jahrelang als beste Reiterin Europas, die auf wilden Ritten ihre Begleiter beeindruckte. Sie liebte Griechenland und lernte sehr diszipliniert Alt- und Neugriechisch. Ihr großes Vorbild als Dichter war Heinrich Heine. Den Anstoß zum Dichten gab laut Hamann ein Treffen mit Königin Elisabeth von Rumänien, die unter dem Namen Carmen Sylva ihre Werke veröffentlichte.
Von 1885 bis 1888 datieren Sisis Reime. Dann beendete eine Tragödie die Lust am Schreiben: der Selbstmord ihres Sohnes. „Dieser Tod übte auf die Kaiserin einen solchen Schock aus, dass sie zum Dichten nicht mehr fähig war“, so Hamann. Elisabeth ordnete ihr Werk und verwahrte es an einem sicheren Ort. Nach 60 Jahren – so verfügte sie – sollten die Bände veröffentlicht werden. lby/mm
Das Buch
„Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch“, herausgegeben von Brigitte Hamann, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 15,84 Euro.