München – Der Landkreis Dachau ist mal wieder Spitzenreiter. Mit einem prognostizierten Bevölkerungszuwachs um 12,4 Prozent bis zum Jahr 2038 ist der Landkreis im Norden Münchens die Region, die in den kommenden zwei Jahrzehnten am stärksten wächst. „Wir spüren das schon jetzt jeden Tag“, sagt Dachaus Landrat Stefan Löwl (CSU). Egal ob im Landratsamt selbst, wo mehr Autozulassungen, mehr Baugenehmigungen und mehr Sozial- und Jugendhilfefälle verzeichnet werden. Oder im Alltag, wo die Staus länger, die Immobilienpreise höher und die Plätze auf der Liegewiese am See und im Freibad immer knapper werden.
Der Münchner Speckgürtel bleibt eine Boomregion. Und der Landkreis Dachau ganz besonders. „Wir liegen im Wirtschaftsdreieck zwischen Augsburg, München und Ingolstadt“, erklärt Landrat Löwl die Attraktivität seines Landkreises. Und während die Landkreise südlich von München in den vergangenen Jahrzehnten schon starken Zuwachs verzeichneten, ziehen nun Landkreise wie Dachau, Ebersberg (plus 12,3 Prozent), Pfaffenhofen (11,1) und Erding (10,6) nach. Am geringsten ist das vorausgesagte oberbayerische Wachstum dagegen in Alpenlandkreisen wie Garmisch-Partenkirchen (plus 2,3 Prozent), Berchtesgadener Land (plus 2,9) oder der Stadt Rosenheim (plus 2,7).
Während im gesamten Oberbayern ein Bevölkerungszuwachs bevorsteht, sieht es im Norden Bayerns anders aus. Vor allem in Oberfranken setzt sich der Trend zum Einwohnerschwund fort. Mit dem prozentual größten Wegzug muss laut der jüngsten Zahlen der Landkreis Kronach an der Grenze zu Thüringen rechnen. Dort kämpfen die Kommunalpolitiker schon länger gegen die Überalterung. Zuletzt versetzte die Insolvenz des TV-Herstellers Loewe der gesamten Region einen schweren Schlag, über 400 Menschen verloren ihre Arbeit. Man hofft nun auf das Projekt Hochschulregion, einen Campus, der künftig Studenten und junge Familien anziehen soll. „Wir müssen den jungen Leuten die Möglichkeit geben, ihren qualifizierten Beruf auszuüben“, sagt Kreissprecher Bernhard Graf. In Verbindung mit dem hohen Freizeitwert und der intakten, reizvollen Natur sollen Bürger in ihrer Heimat gehalten werden. „Auch haben wir niedrige Lebenshaltungskosten.“
Allerdings fallen die Bevölkerungsverluste in Franken nach den jüngsten Hochrechnungen nicht mehr so massiv aus, wie noch vor zehn Jahren befürchtet. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) betonte bei der Vorstellung der neuen Prognose am Freitag in Fürth: „Damit die ländlichen Regionen für junge Menschen attraktiv werden, müssen sie nicht nur ausreichend bezahlbaren Wohnraum bieten.“ Es müssten auch attraktive Arbeitsplätze und gute Infrastruktur geschaffen werden.
Beim Arbeitsplatz-Angebot haben Landkreise wie Dachau weniger Probleme. Dafür wird es dort beispielsweise immer schwieriger, genug Bauland oder Schulstandorte zu finden. Doch trotz aller Probleme, die das Bevölkerungswachstum rund um München mit sich bringt, ist für Landrat Löwl klar, dass er nicht mit seinen Kollegen in Nordbayern tauschen möchte. „Es ist immer schöner, Wachstum zu gestalten, als einen Rückgang zu verwalten.“ Das Schöne daran: „Auch die junge Generation wächst. Man sieht viele Mütter mit Kinderwagen in der Stadt, das ist ein gutes Zeichen.“ Aufgabe der Politik sei es, der Bevölkerung zu vermitteln, warum sich ihr Dorf verändert. „Die Sozialstruktur wandelt sich, viele Orte werden urbaner“, beobachtet Löwl. „Aber so, wie wir leben, geht es eben ohne Wachstum nicht. Schließlich brauchen die Pflegekräfte oder die Paketfahrer auch einen Ort, an dem sie wohnen können.“ Ohne Veränderung sei das nicht möglich: „Es bringt nichts, die Käseglocke über einen Landkreis zu stülpen.“