München – Eines wollte OB Dieter Reiter (SPD) gleich vorneweg klarstellen – um der Diskussion die semantische Schärfe zu nehmen: Es gehe weniger um eine „autofreie“, sondern um eine „autoarme Altstadt“. Ohne Zweifel sei die Suche nach einem zukunftsgewandten Mobilitätskonzept „ein kontroverses Thema“, merkte der OB an. Dass diese aber im Dialog mit der Wirtschaft und den Anwohnern stattfinden müsse, stehe außer Frage. „Wir wollen ja nicht alle Autos im Blindflug verbannen“, sagte Reiter.
Vor dem Hearing am Mittwoch hatten Vertreter von Handel und Gastronomie betont, die Erreichbarkeit der Altstadt für Lieferverkehr und Anwohner müsse weiterhin gewährleistet sein – trotz neuer Fußgängerzonen. Und die Betroffenen müssten bei der Ausarbeitung eines Gesamtkonzepts ins Boot genommen werden (wir berichteten). Zu den Bedenken der Wirtschaftsvertreter sagte Reiter: „Es wird keinen Aktionismus geben, aber Aktionen.“ Laut Stadtbaurätin Elisabeth Merk umfasst die Altstadt eine Fläche von 150 Hektar. 7000 Anwohner leben dort. 30 Prozent davon besitzen ein Auto. Innerhalb der Altstadt gibt es 14 000 Parkplätze, die Hälfte davon auf Privatgrund, 5000 in Parkhäusern und 2000 im öffentlichen Raum.
Geladen zu dem Hearing waren auch Experten aus anderen Städten. Stefanie Bremer, Professorin für Verkehrsplanung an der Uni Kassel, bezeichnete den Begriff „autofrei“ ebenfalls als „zu polarisierend und emotional aufgeladen“. Sie riet: „Nutzen Sie keinen Kampfbegriff, sondern einen wertneutralen.“ Wichtig sei, einen Mobilitätsplan im Konsens mit Anwohnern und Geschäftsleuten zu entwickeln und zu beschließen. Bremer machte überdies deutlich: „Verkehr kann man nicht autonom denken, sondern im Kontext der Gesamtstadt.“ Laut der Wissenschaftlerin „gibt der Raum die urbane Mobilität vor“. Das heißt, die Menschen würden spüren, wie sie sich selbst am besten fortbewegen können. Und das sei in der Großstadt das Fahrrad in Kombination mit öffentlichem Nahverkehr, oder noch besser zu Fuß. Anders als im ländlichen Raum.
Peter Blösl, Manager beim Logistik-Dienstleister UPS, nannte Zahlen, wie das Unternehmen seine Mobilitätsformen bei der Zustellung von Paketen in einer Großstadt wie München umgestellt hat. So liefert UPS mittlerweile rund 2550 Pakete pro Tag im innerstädtischen Raum mit Fahrradkurieren aus. 20 Transporter würden dadurch eingespart und auch ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Das Problem: In der Altstadt ist das Projekt wegen des enormen Paketvolumens nicht umsetzbar. Allerdings gebe es Bestrebungen, die Lieferung mit Lastenrädern auf die Au, Haidhausen und Giesing auszuweiten. Bösl zufolge ist das Münchner Beispiel das weltgrößte Fahrrad-Projekt von UPS. Es gebe Anfragen aus New York oder Paris, diese Idee auch dort umzusetzen.
Reiter deutete an, dass er sich im Tal einen Modellversuch für eine „Begegnungszone“ vorstellen könnte. Andreas Dillinger von der Wirtschaftskammer Wien hatte zuvor berichtet, dass sich diese Art der Verkehrsberuhigung auf der belebten Geschäftsmeile Mariahilfer Straße sehr bewährt und die Auto-Zahl immens reduziert habe. In einer Begegnungszone sind alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt, es darf nur Schrittgeschwindigkeit gefahren werden, Fußgänger dürfen die Fahrbahn benutzen.
Grünen-Fraktionschef Florian Roth sagte, für seine Partei gehe es darum, den privaten Autoverkehr in der Altstadt weitgehend auszuschließen – mit Ausnahme von Anwohnern und Anlieferzonen. Sein Parteikollege Paul Bickelbacher bewertete als Hauptproblem die 2000 Parkplätze im öffentlichen Raum. SPD-Stadtrat Jens Röver schlug die Gründung eines interfraktionellen Arbeitskreises vor – auch um Gespräche mit den Betroffenen in der Altstadt zu führen: „Wir wollen nichts wegnehmen, sondern Positives schaffen.“ Alexander Reissl (CSU) sagte, der „Kampfbegriff autofrei“ helfe bei dieser Diskussion nicht weiter.
Viel Arbeit kommt nun auf die Verwaltung zu. Merk kündigte für die kommenden Monate eine Reihe von Einzelvorschlägen und bis spätestens Herbst einen übergeordneten Plan an. Die MVG will überdies ein ergänzendes innerstädtisches Busnetz umsetzen.