Während sich das Licht in den erlesenen Edelsteinen faszinierend bricht, fällt auf, dass der große blaue Leitstein auf der Spitze der Krone recht matt und farblos schimmert. Es handelt sich um ein Imitat; ein merkwürdiger Umstand, den zu erklären einen Blick in die Geschichte erfordert.
Das mächtige Kaiserreich Österreich drohte im Sommer 1805 dem Kurfürstentum Bayern mit einem Angriffskrieg, um sich das kleine Nachbarland einzuverleiben. Kurfürst Maximilian I. Joseph schloss daraufhin einen militärischen Bündnisvertrag mit dem nicht weniger mächtigen Napoleon. Nach dem österreichischen Einmarsch am 8. September und der vorübergehenden Besetzung Münchens warf Napoleon die Eindringlinge innerhalb von drei Wochen aus dem Land und schlug die Österreicher und Russen vernichtend in der Dreikaiserschlacht von Austerlitz.
Der Sieg des französischen Verbündeten ließ den Stern Bayerns steigen. Zum einen wurde das Land der Wittelsbacher territorial erheblich vergrößert und reichte ab dem 1. Januar 1806 im Süden bis zum Gardasee. Weitaus entscheidender aber war, dass Bayern von Napoleons Gnaden zum Königreich erhoben wurde. In seiner rasanten Geburtsstunde am 1. Januar 1806 besaß das Königreich aber weder Kroninsignien geschweige denn eine Krone. Da jedoch beides benötigt wurde, beauftragte man im Mai 1806 bei Napoleons Hofjuwelier Martin-Guillaume Biennais in Paris die bayerischen Kroninsignien.
Der Goldschmied fertigte nach den Entwürfen von Napoleons Architekten Charles Percier in seiner Werkstatt in der Rue Saint-Honoré eine massiv goldene Bügelkrone mit einem achtspännigen Globus und einem diesen bekrönenden diamantbesetzten Kreuz an. Verwendet wurden dabei unter anderem Perlen und Steine aus der Eichstätter Monstranz sowie weitere, durch die Säkularisation gewonnene Klosterschätze; die Saphire waren aus dem Pfälzer Reichsapfel herausgebrochen worden.
Nachdem die Krone nebst Reichsapfel, Zepter, Schwert, Siegelkasten und Diadem der Königin im März 1807 geliefert worden waren, äußerte König Max Joseph über die Arbeit „seine größte Zufriedenheit“. Der 1807 erst in München in die Krone eingesetzte Leitstein war kein Imitat, sondern einer der kostbarsten Diamanten der Welt: der „Blaue Wittelsbacher“.
Dieser mehr als 35-karätige, azurblaue Diamant von seltener Klarheit und Tiefe war 1722 durch die Heirat von Maria Amalia von Habsburg mit Karl Albrecht von Bayern als Mitgift in den Besitz der Wittelsbacher gelangt und hatte vorher zu den österreichischen Kronjuwelen gehört. Da naturblaue Diamanten dieser Größe außerordentlich selten sind, wurden sie für die wenigen Kronen Europas bevorzugt verwendet. Der Blaue Wittelsbacher war mit rund 300 000 Gulden mehr wert als alle anderen königlichen Juwelen der Wittelsbacher zusammen. Nach dem Hope-Diamanten, der ebenso aus den sagenumwobenen Kollur-Minen in Indien stammte, gilt er als einer der berühmtesten blauen Diamanten, die jemals gefunden wurden.
In verschiedenen offiziellen Staatsporträtgemälden der bayerischen Könige von Maximilian I. über Ludwig I., Maximilian II. bis Ludwig II. ist die Krone mit dem berühmten Diamanten auf dem samtroten Kissen deutlich zu sehen. Bis zum November 1918 waren die Kroninsignien mit dem die Krone bekrönenden blauen Diamanten Haus- und Staatssymbol des Königreichs Bayern.
In der bayerischen Öffentlichkeit letztmals zu sehen war der Stein dann 1921 bei der Beisetzung des abgedankten Königs Ludwig III., dessen von sechs schwarzen Pferden gezogener Sarg in einem pompösen Leichenzug durch die Straßen Münchens gefahren wurde. Die Krone mit dem echten Blauen Wittelsbacher lag auf dem Sarg.
Da der Diamant nach dem Ende des Königreiches im Besitz der Wittelsbacher verblieben war und diese ihn zu Geld zu machen gedachten, verließ der tiefblau funkelnde Stein Bayern drei Jahrzehnte später und begann seine mitunter obskure Reise durch Hosentaschen und verschiedene begehrliche Hände über die Côte d’Azur und London an den Persischen Golf.
Nachdem er 1931 – mit Genehmigung der bayerischen Staatsregierung – in einer Auktion bei Christie’s angeboten worden war, ohne einen Käufer zu finden, gelang 1951 sein heimlicher Verkauf in Antwerpen. 1964 wurde der blaue Diamant über einen Hamburger Schmuckhändler an den Kaufhausbesitzer Helmut Horten verkauft. Dieser holte ihn 1966 bei der Hochzeitsfeier am Cap d’Antibes vor 240 geladenen Gästen aus der Hosentasche und gab ihn seiner jungen Braut Heidi, geborene Jansen, zur Hochzeit – hier hatte ein Mann, der eine Frau liebt, sich wirklich Gedanken gemacht.
Nicht so romantisch bewertete es ein Redakteur der „Rheinischen Post“, der das Hochzeitsgeschenk als „Bettprämie“ bezeichnete. Der frisch vermählte Kaufhausmilliardär verklagte daraufhin den dreisten Journalisten und erließ gegen die Zeitung eine Werbesperre.
In den folgenden vier Jahrzehnten wurde es um den Diamanten ruhig. Mit dieser Stille war es vorbei, als Heidi Horten ihr Hochzeitsgeschenk, ihr Mann war 1987 gestorben, im Dezember 2008 bei Christie’s zum Verkauf anbot. Als einer der berühmtesten Diamanten der Welt im dortigen Londoner Auktionskatalog für neun Millionen Pfund (11,3 Millionen Euro) auftauchte, löste dies eine weltweite Medienresonanz aus. Im Gegensatz zu 1931 fand sich nach einem heftigen Bietergefecht ein Käufer in Person des Londoner Juweliers und Milliardärs Laurence Graff. Der Hammer fiel für sagenhafte 18,7 Millionen Euro – der höchste Preis, der bis dahin für einen Diamanten je bezahlt worden war.
Kurz darauf kündigte der neue Besitzer an, den historischen Diamanten umarbeiten zu lassen. Experten und Historiker zeigten sich von der Entscheidung Graffs zutiefst entsetzt. Das vorgebliche Ziel, den Stein dadurch schöner machen zu wollen, verglich ein Experte mit dem Versuch, „das Gemälde der Mona Lisa von Leonardo da Vinci hübscher zu machen“.
Davon unbeeindruckt legten 2009 drei beauftragte Diamantschleifer Hand an den Blauen Wittelsbacher, wobei der ungemein seltene historische Rosenschliff aus dem 17. Jahrhundert unwiederbringlich zerstört und das Gewicht von 35,56 auf 31,06 Karat reduziert wurde.
Der Schatzmeister des Weltverbandes der Diamantbörsen Dieter Hahn bezeichnete den Vorgang als „Schande“. Professor Hans Ottomeyer, Autor des Standardwerkes „Die Kroninsignien des Königreichs Bayern“ sagte: „Es ist, als hätte man ein Rembrandt-Bild übermalt“; der kostbare Edelstein werde durch den neuzeitlichen Schliff „vandalisiert“. Und der Münchner Chemieprofessor Jürgen Evers schrieb in einem US-Fachblatt: „Die Anmaßung von Laurence Graff lag in der Zerstörung der historischen Identität des Diamanten. Er veränderte einen der ältesten noch erhaltenen Brillantschliffe eines historischen Edelsteins, der über 350 Jahre Bestand hatte…“
Nachdem der bis auf den heutigen Tag auf der Homepage des Milliardärs als „mutige Entscheidung“ bezeichnete Umschliff vollzogen war, benannte der Juwelier den Blauen Wittelsbacher auch noch gleich um, indem er in vollkommener Unbescheidenheit seinen eigenen Namen hinzufügte: Graff stellte das einstige bayerische Kronjuwel bei aufwendig inszenierten Ausstellungen in Washington und New York im Januar 2010 der Weltöffentlichkeit als „The Wittelsbach-Graff-Diamond“ vor.
Rudolf Biehler, ein Münchner Juwelier, dessen Großvater in Zeiten des Königreiches als Kurator der königlichen Residenzschatzkammer für den Blauen Wittelsbacher mit verantwortlich war, sagte: „Solche Steine sind Geschenke der Natur an uns, ihre Bedeutung ist riesig. Ich weiß nicht, warum er es gemacht hat, aber ich bin mir sicher, die Geschichte wird ihm nicht Recht geben“. Die Antwort nach dem „Warum“ gab Ottomeyer und sagte, Graffs Absicht sei es, „den Wiederverkaufswert des Diamanten insgesamt um ein Mehrfaches zu steigern“.
Wie von dem Kunstsachverständigen prophezeit, stand kurz darauf in der New York Times zu lesen, dass der Milliardär das umgeschliffene Juwel verkauft habe, Käufer oder Kaufpreis blieben zunächst unbekannt. Experten gehen aufgrund zuverlässiger Quellen davon aus, dass der Edelstein für 80 Millionen Dollar, was für Graff einen Gewinn von rund 56 Millionen Dollar bedeutete, in den Nahen Osten an Scheich Hamad bin Chalifa, Emir von Katar, verkauft wurde.
Die bayerische Staatsregierung hingegen war nicht daran interessiert, den von Historikern als „edelstes Wahrzeichen bayerischer Identität“ bezeichneten Blauen Wittelsbacher zurückzuholen. Als im Jahr 2008 bekannt wurde, dass der Stein bei Christie’s zum Verkauf stand, „brach“, so schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung, „in München ein geradezu untypisches Schweigen aus“.
* Unser Autor Thomas Schuler ist Historiker und einer der führenden Napoleon-Experten Deutschlands. Sein aktuelles Buch „Auf Napoleons Spuren – Eine Reise durch Europa“ ist im Beck-Verlag erhältlich (26,95 Euro). Mehr Informationen zum Autor: www.aufnapoleonsspuren.de