Die Schatzkammer der Wittelsbacher

von Redaktion

Mehr als 1250 Kostbarkeiten in der Residenz

Welche Summe wohl zusammenkäme, würde man die Schätze der Münchner Residenz in einem Auktionshaus versteigern? Allein der Gedanke erscheint frevelhaft, denn die Kammer ist nicht nur Hort materiell wertvoller Stücke, sondern auch Zeitzeugnis der Jahrhunderte bayerischer Herrscher. Der Verkauf des Blauen Wittelsbachers, des Prunksteins der bayerischen Königskrone (siehe Artikel links), dürfte somit kaum Schule machen.

Mit Wien und Dresden zählt die Münchner Residenz zu den bedeutendsten Schatzkammern im deutschsprachigen Raum. Über 1250 Stücke beherbergt sie, nicht nur Juwelen und Gold, sondern auch Arbeiten aus Email oder Elfenbein. Stücke, die ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, wurden sie doch über Jahrhunderte hinweg zusammengetragen.

Die sogenannte Böhmische Krone mit ihren Lilienaufsätzen zum Beispiel kam erst 1782 in die Münchner Schatzkammer. Sie ist die älteste erhaltene englische Krone überhaupt und gehörte einst vermutlich Anna von Böhmen, Gemahlin König Richards II. von England. Als Heiratsgut gelangte sie 1402 in den Pfälzer Schatz nach Heidelberg, ehe die Pfälzer Wittelsbacher sie im Jahr 1782 nach München gaben.

Die Schatzkammer gab es da schon über 200 Jahre lang. Ihren Ursprung hat sie in einer testamentarischen Verfügung. Herzog Albrecht V. und seine Gemahlin Anna von Österreich bestimmten 1565, dass besonders kostbare Stücke des Hauses zu einer unveräußerlichen Sammlung vereint werden sollen. 29 Stücke waren es, von denen heute nur noch neun in der Schatzkammer erhalten sind.

Die nachfolgenden Herrschergenerationen vergrößerten die Sammlung Stück für Stück, ehe im frühen 19. Jahrhundert die Sammelleidenschaft ihr Ende fand. Neben der weltlichen Schatzkammer beherbergt die Residenz seit dem frühen 17. Jahrhundert auch eine Sammlung liturgischer Gegenstände und Reliquiaren. Die Residenz verbirgt ihre Preziosen nicht, die Schatzkammer ist täglich für Besucher geöffnet.

Es sind Stücke, die jedem Antiquar das Herz aufgehen lassen. Die „Holbeinschale“ etwa, eine Kristallschale aus Venedig. Das Gefäß stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert, die Fassung wurde um 1540 nach einem Entwurf des Malers Hans Holbein des Jüngeren hinzugefügt – was der Schale den Namen gab. Einst gehörte sie Heinrich VIII. von England und wanderte über die Jahrhunderte durch viele Hände bis nach München.

Von ergreifender Schönheit ist auch die Statuette des Ritters St. Georg. Diamanten, Rubine, Smaragde, Opale und andere wertvolle Steine überziehen das 50 Zentimeter hohe Stück aus goldenem Sockel und Reiterstatue. Vermutlich entstand die Statuette zwischen 1586 und 1597 als Reliquiar für eine St.-Georgs-Reliquie. Der Heilige Georg war der Schutzpatron der Wittelsbacher und damit auch ihrer Residenz. In der vorderen Schmalseite des Sockels befindet sich die Schublade für die Reliquie.

„Callisto-Kanne“ wird ein bezauberndes Gefäß aus Bergkristall genannt, entstanden zwischen 1575 und 1579 in Mailand, einst Zentrum des Bergkristallschnitts. Die Kanne stammt aus der Werkstatt der Brüder Saracchi. Die Fassung zieren Perlen und Smaragde.

Die Schatzkammer beherbergt aber auch Prunkvolles aus Bayern. Der „Saphirpokal“ zum Beispiel wurde 1563 von Hans Reimer für Herzog Albrecht V. von Bayern in München gefertigt – und gehört zu den 29 Gründungsstücken der Schatzkammer. Blattranken aus Gold und 36 große Saphire schmücken das äußerst wertvolle Gefäß.

Manche Stücke haben eine lange Reise hinter sich, nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich gesehen. Das Ceylonesische Elfenbeinkästchen stammt, wie der Name schon sagt, aus Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Gefertigt wurde es um 1543 am Hofe des Königs von Kotte. Als Gesandtengeschenk kam es nach Portugal. Die Portugiesen hatte Ceylon Anfang des 16. Jahrhunderts erobert. Die Elfenbeinschnitzereien zeigen Musikanten, Tänzerinnen sowie Huldigungs- und Gebetsszenen. Das Handelshaus Fugger war es, das die Truhe an Herzog Albrecht V. von Bayern vermittelte. W. HAUSKRECHT

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