München/Dachau – Für jüngere Generationen liegt der Nationalsozialismus weit zurück. Heuer jährt sich das Ende der NS-Diktatur zum 75. Mal. Viele Jugendliche erfahren von den Verbrechen damals nur aus dem Geschichtsunterricht. Oder durch einen Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager. Doch vielen bayerischen Gedenkstätten sieht man ihr Alter inzwischen an.
Deshalb will die Bayerische Staatsregierung nun gewaltig Geld in die Hand nehmen. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) kündigte gestern in der Kabinettssitzung an, mindestens 200 Millionen Euro in die Erinnerungsarbeit und Bayerns Gedenkstätten zu investieren. Das sei erst einmal eine vage Größenordnung für alle baulichen und pädagogischen Maßnahmen, betonte er.
Die Stiftung Bayerischer Gedenkstätten hatte für die KZ-Gedenkstätte Dachau bereits ein Konzept zur Neugestaltung vorgelegt, das nun weiterverfolgt werden soll. Die Leiterin Gabriele Hammermann reagierte gestern erfreut auf diese Nachricht: „An der Schwelle zu einem Zeitalter ohne Zeitzeugen bietet sich nun die historische Chance, einen modernen und zukunftsfähigen, internationalen Lern- und Gedenkort zu gestalten“, sagte sie. Die KZ-Gedenkstätte Dachau ist mit einer jährlichen Besucherzahl von fast einer Million Menschen die meistbesuchte Gedenkstätte Deutschlands. Mit der Neugestaltung der Ausstellungen, Maßnahmen der Sanierung und unter Einbezug bislang nicht berücksichtigter Teile des historischen Areals soll ein europäischer Gedenk- und Erinnerungsort entstehen, an dem die Gesamtgeschichte der Konzentrationslager aufgearbeitet und ihrer Opfer gedacht werde, kündigte Piazolo an.
Auch auf dem Gelände des früheren KZ Flossenbürg sollen bedeutende Teile des historischen Lagerbereichs wie etwa der Steinbruch für die Gedenkstättenarbeit weiterentwickelt werden. Für Nürnberg sieht das Konzept eine Erneuerung des dortigen Dokumentationszentrums und umfangreiche Erhaltungsmaßnahmen an der Zeppelintribüne und dem Zeppelinfeld vor.
Was die pädagogischen Neuerungen angeht, blieb Piazolo eher wage. Bisher haben Zeitzeugen häufig im Unterricht von der NS-Zeit berichtet. Doch es gibt immer weniger Überlebende. „Zeitzeugen kann man leider nicht ersetzen“, betonte Piazolo. Er könnte sich aber vorstellen, deren Nachkommen in die Erinnerungsarbeit einzubeziehen, kündigte er an.
Die Opposition ist mit Piazolos Vorstoß allerdings noch nicht zufrieden. Die SPD-Landtagsfraktion begrüßt zwar grundsätzlich den Ausbau der Erinnerungsarbeit. Ihre bildungspolitische Sprecherin Margit Wild betonte jedoch, dass auch kleine Erinnerungsorte berücksichtigt werden müssten – zum Beispiel Gedenktafeln oder Denkmäler. Die Sprecherin für Erinnerungskultur der Landtags-Grünen, Gabriele Triebel, ist ebenfalls enttäuscht: „Wir fordern dieses Konzept seit vier Jahren“, betonte sie. „ Wir hätten uns einen mutigeren Schritt gewünscht – und eine klare finanzielle Zusage zur besseren Planungssicherheit.“