München – Beatrice Neumann (Name geändert) hat in den vergangenen Monaten viel über ihre Rente nachgedacht. Obwohl sie noch rund 20 Jahre in ihrem Beruf als Versicherungsangestellte vor sich hat. Aber die 46-jährige, alleinerziehende Mutter ist überzeugt: „Für meine Altersgruppe wird die staatliche Rente nicht mehr reichen.“ Das Thema lässt ihr schon länger keine Ruhe. Dass die Politik rechtzeitig Lösungen findet, glaubt sie nicht. „Alle Maßnahmen sind doch eher halbherzig.“ Deshalb will Neumann vorbereitet sein, auf alles, was auf sie zukommt – und ist dem Sozialverband VdK beigetreten. „Ich bin überzeugt, dass der VdK künftig noch mehr Gewicht bekommen wird“, sagt sie. Sie will mitkämpfen bei den Themen, für die sich der Verband einsetzt. Bei der großen Demo unter dem Motto „Rente für alle“ Ende März wird sie dabei sein, sagt sie. Denn es reiche ihr nicht, auf die Politik zu vertrauen.
Beatrice Neumann ist eines von 63 010 neuen Mitgliedern, die der VdK Bayern vergangenes Jahr dazugewonnen hat. Der Verband hat inzwischen die 700 000-Marke geknackt. Und es sieht so aus, als würde sich das Rekordwachstum auch 2020 fortsetzen. Im Schnitt kommen aktuell täglich 200 Mitglieder dazu, berichtet Landesgeschäftsführer Michael Pausder. Und das sind keineswegs nur Rentner. „2019 haben wir 5398 unter 40-Jährige als Neumitglieder aufgenommen“, sagt er. Der Verband werde also nicht nur größer, sondern auch jünger.
Zum Teil sei das sicher der 37-jährigen VdK-Präsidentin zu verdanken. „Verena Bentele kommt bei Jung und Alt gut an“, sagt Pausder. Sie sei nicht nur mitreißend, sondern als blinde Sportlerin auch glaubwürdig, wenn sie sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt. Er glaubt aber auch, dass der VdK seit einigen Jahren viel stärker als unabhängige soziale Bürgerbewegung wahrgenommen wird. Die Statistik zeige, dass die meisten Neumitglieder nicht sofort die VdK-Rechtshilfe in Anspruch nehmen würden. „Das beweist, dass wir für die Menschen nicht nur Dienstleister sind.“
Die Unabhängigkeit des Verbands, der sich ausschließlich über die Mitgliedsbeiträge (sechs Euro im Monat) finanziert, sei sicher ein Faktor für den großen Zulauf. Für viele Menschen sei es wohl auch eine kleinere Hemmschwelle, sich in einem Verband sozialpolitisch zu engagieren, als in einer Partei. Das beobachtet auch die Politik, betont Pausder. „Politiker nehmen den VdK viel ernster als vor einigen Jahren. Sie suchen häufiger das Gespräch mit uns.“
Aber auch andere Verbände in Bayern spüren einen deutlichen Zuwachs. So verzeichnete etwa der Landesbund für Vogelschutz mit rund 7000 neuen Mitgliedern das größte Wachstum innerhalb eines Jahres. „Wenn man bedenkt, dass es vor zehn Jahren noch hieß, sich in einem Verband zu engagieren sei nicht mehr modern, ist das schon erstaunlich“, sagt der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer. Er sieht die Debatte über Natur- und Artenschutz als Grund dafür. „Viele wollen nun etwas tun.“ Die Leistungsträger im Naturschutz sind nach seiner Erfahrung Menschen, „die die Rushhour des Lebens hinter sich haben“. Frührentner oder Eltern, deren Kinder aus dem Haus sind, bringen sich im LBV sehr ein. „Gerade die Biotoppflege ist beliebt, um tätig zu werden.“ Auch bei den Vogelwanderungen sei das Interesse so groß wie nie.
Ganz ähnlich sieht das beim Bund Naturschutz aus. Auch der ist 2019 um rund 15 000 Mitglieder gewachsen. „Ein Grund dafür ist sicher, dass die Klima- und Umweltfragen für viele immer sichtbarer werden“, sagt der Landesbeauftragte Martin Geilhufe. Sei es, weil im Wald die Bäume sterben oder weil in der Stadt die Hitze immer drückender wird. Aber auch das Volksbegehren zum Artenschutz und die Fridays-for-Future-Demos hätten für neue Mitglieder gesorgt. „Viele, die nach den Klimademos gemerkt haben, dass ihnen die politischen Entscheidungen zu zögerlich sind, wollen nun im Kleinen etwas bewirken“, sagt Geilhufe. Sie kommen zu den BN-Kreisgruppen – und kämpfen auf kommunaler Ebene für den Schutz der Moore oder mehr Windkraft.
Für den Politologen Werner Weidenfeld ist es ein gutes Zeichen für die Gesellschaft, dass das ehrenamtliche Engagement nicht versiegt. „Es beweist einmal mehr, dass für viele Menschen ein egozentrischer Alleingang im Leben keinen Sinn ergibt.“ Dass es vor allem bei den Themen Pflege und Naturschutz große Unterstützung für die Verbände gibt, ist für ihn kein Zufall. „Das hängt auch mit der öffentlichen Aufmerksamkeit für die Themen zusammen.“
Weidenfeld sieht aber auch Verlierer bei der aufgefrischten Begeisterung für die Verbandsarbeit. „Das sind die großen Traditionsinstitutionen: die Gewerkschaften, die Kirchen und die großen Parteien.“ Früher haben sie Orientierung geboten und Aufbruchsstimmung verbreitet, nun hätten sie ihre Strahlkraft verloren. „Insofern ist diese Entwicklung auch ein Arbeitsauftrag an diese Institutionen“, sagt Weidenfeld. „Sie müssen es wieder schaffen, die Menschen zu mobilisieren.“