Eine Klima-Partei links von den Grünen?

von Redaktion

Zwischen Grüne und „Fridays for Future“ passt kein Blatt – noch nicht. In Kempten und Erlangen stellen junge Aktivisten zur Kommunalwahl eigene Listen auf. Die Grünen seien zu angepasst, heißt es. Ist das der Beginn eines Bruchs?

VON MARCUS MÄCKLER

München – Im Grunde habe er ja gar nichts gegen die Grünen, sagt Benjamin Gras, 18. Es gab sogar ein Treffen, gar nicht lange her, der Kontakt sei gut. Kurze Pause. „Aber die sind einfach zu eingesessen. Und sie winken im Stadtrat viel zu viel durch.“ Sebastian Hornschild, 30, wird noch deutlicher: „Die etablierten Parteien haben beim Klima versagt, auch die Grünen sind viel zu sehr Mainstream.“

Gras und Hornschild leben in unterschiedlichen Teilen Bayerns, der eine in Kempten, der andere in Erlangen. Beide eint ihr Engagement für die Klimabewegung „Fridays for Future“. Aber den Protest auf die Straße zu tragen, ist ihnen nicht mehr genug. Bei der Kommunalwahl im März wollen sie mit eigenen Listen antreten und in ihre Stadträte einziehen. Auf Hornschilds „Klimaliste“ in Erlangen stehen 60 Kandidaten, „Future for Kempten“ stellt 17 auf.

Womöglich sind das erste Anzeichen einer Absetzbewegung, dabei läuft die Arbeitsteilung zwischen Grünen und „Fridays for Future“ ziemlich gut. Beide profitieren voneinander, die einen in (Umfrage-)Prozenten, die anderen, indem das Klima-Thema mit Druck in die Parlamente gelangt. Aber es gibt einen Unterschied: Die Grünen haben den Kompromiss als Notwendigkeit akzeptiert, viele Aktivisten halten ihn für einen Vorwand zum Nichtstun.

Manche meinen: Je näher die Grünen einer Regierungsbeteiligung kommen, desto eher wird das zum Problem. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte unserer Zeitung vor Kurzem: „Möglicherweise entsteht sogar eine Partei in Konkurrenz zu den Grünen.“ Auch wenn da der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen sein mag: Ist die „Party for Future“ nicht der nächste Schritt?

In der „Fridays“-Bewegung ist das eigentlich tabu. Die Kölner Aktivistin Leonie Bremer sagte kürzlich in der ARD, man müsse unabhängig bleiben, schon um nicht, wie die Grünen, „Teil des Problems“ zu werden. Ein Sprecher von „Fridays“ Erlangen betont denn auch, auf der „Klimaliste“ stünden zwar zwei Aktivisten – sie sei aber unabhängig von der Bewegung zu sehen. Auch Initiator Hornschild sagt, man sei ein Verein, keine Partei. Bei „Future for Kempten“ ist der Zusammenhang indessen kaum wegzureden.

Auch wenn noch nichts auf einen großen Bruch hindeutet: Die Gründung einer radikaleren Version der Grünen ist nicht ganz abwegig. Die anderen Mitte-Parteien Union und SPD sind damit – in Gestalt von AfD und Linken –längst konfrontiert. Die Folge waren Stimmenverluste, die bis heute schmerzen.

Bei Bayerns Grünen, die in Umfragen bei 25 Prozent liegen, macht sich trotzdem keine Angst breit. Es gebe einen guten Kontakt zur „Fridays“-Bewegung, sagt Landtagsfraktionschef Ludwig Hartmann. Vielerorts stünden Aktivisten auf Wahllisten der Grünen – Erlangen und Kempten seien „Ausnahmefälle“. Er ist sicher: „Sollten sie in die Stadträte kommen, werden wir Seite an Seite kämpfen.“

Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch ist indes überzeugt: „Für die Grünen könnten die Klimaaktivisten durchaus zur Konkurrenz werden“, schon weil sie ein klareres Profil haben und keine Zugeständnisse machen müssen. Allerdings funktioniert das aus ihrer Sicht nur auf lokaler Ebene. „In Bund und Land sind die Grünen ja gerade deshalb attraktiv geworden, weil sie zunehmend in die Mitte gehen.“

Gras und Hornschild überzeugt das nicht, sie wollen die lokale Politik aufmischen und zum Einlenken in Klimafragen zwingen. Derzeit sammeln sie noch Unterschriften, um zur Wahl zugelassen zu werden. 340 sind nötig, sie sagen: Viele fehlen nicht mehr.

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