München – Der Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer, Andreas Botzlar, betont: „Wenn man es genau nimmt, gibt es für Heilpraktiker keine wirkliche Existenzberechtigung.“ Er hat kein Verständnis dafür, dass es einen Gesundheitsberuf mit einem großen Handlungsspielraum gibt, ohne dass für diesen Beruf eine Ausbildung vorgeschrieben wäre. Heilpraktiker müssen zwar eine Prüfung beim Gesundheitsamt ablegen, bevor sie Diagnosen stellen oder Infusionen legen können. Voraussetzung für eine Anmeldung zur Prüfung ist aber nur das Mindestalter von 25 Jahren und ein Hauptschulabschluss.
Etliche Gesundheitspolitiker wollen diese Regeln ändern. Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, sie wollten „das Spektrum der heilpraktischen Behandlung überprüfen“. Als Grund sie die Patientensicherheit. Die hält auch eine Gruppe von Wissenschaftlern namens Münsteraner Kreis für gefährdet, wenn sich an den Regeln nichts ändert. Christian Weymayr nennt es eine „große Gefahr“, dass Patienten, die zu Heilpraktikern gehen, „auf sinnvolle Therapien verzichten“.
Aller Kritik zum Trotz erlebt der Heilpraktikerberuf aber geradezu einen Boom – vor allem in Bayern. Die Zahl der Heilpraktiker hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt, auf zuletzt 23 283 – das sind mehr als doppelt so viele, wie es Hausärzte gibt. Bundesweit gibt es keine genauen Zahlen, Berufsverbände gehen von 60 000 Beschäftigten aus.
Die Berufsverbände sehen sich auch durch den Zuspruch vieler Patienten bestätigt. Nach einer Umfrage des Bunds Deutscher Heilpraktiker gehen jeden Tag rund 128 000 Deutsche in eine Heilpraktikerpraxis. Viele private Krankenversicherer übernehmen die Behandlungshonorare. Bei einem Großteil der Beamten beteiligt sich auch die staatliche Beihilfe an den Kosten. Und auch einige gesetzliche Krankenkassen erstatten Heilpraktikerrechnungen, obwohl das im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung eigentlich nicht vorgesehen ist.
Der Vorsitzende des Heilpraktikerverbandes Bayern, Wolfgang Hegge, weist die Warnungen vor einer Gefährdung der Patientensicherheit zurück. Seiner Ansicht nach bemühen sich die Berufsverbände um hohe Qualität. So betreibt sein Verband in München eine eigene Schule, die eine dreijährige Ausbildung mit 3000 Stunden anbietet. Anders als bei anderen Instituten würden die Lehrpläne vom Kultusministerium kontrolliert. Kritiker halten es aber für abwegig, von Qualität zu reden, wenn Methoden wie die Iris-Diagnostik auf dem Stundenplan stehen, bei der aus der Netzhaut von Patienten Rückschlüsse auf die Gesundheit gezogen werden.
Weymayr kritisiert, die Gesundheitspolitiker würden mit zweierlei Maß messen. Auf der einen Seite werde in der gesetzlichen Krankenversicherung bei Medikamenten und Therapien immer stärker auf Wirksamkeitsnachweise gepocht, gleichzeitig werde der Alternativmedizin aber viel Spielraum gelassen. Und Botzlar von der Landesärztekammer findet, Deutschland könnte sich beim Thema Heilpraktiker durchaus an Österreich orientieren: „Da ist das Kurpfuscherei und strafbar.“ Er erwartet aber keine einschneidenden Änderungen durch die Politik. Denn die Angebote von Heilpraktikern seien bei vielen Patienten beliebt. „Und die Patienten sind ja auch Wähler, mit denen es sich Politiker nicht unbedingt verscherzen wollen“, sagt Botzlar.
Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) will sich nicht vorwerfen lassen, die Politik rede einzelnen Interessengruppen nach dem Mund. Der Heilpraktikerberuf werde auf den Prüfstand kommen, sagt sie, ergänzte aber: „Ich erlebe viele Heilpraktiker, die sehr verantwortungsvoll mit ihrem Beruf umgehen.“
Der Vorsitzende des Heilpraktikerverbandes Bayern, Wolfang Hegge, ist durch solche Aussagen nur zum Teil beruhigt. „Der Druck hat zugenommen“, sagt er. Aber auch er ist sicher, dass die Heilpraktiker von ihren Patienten verteidigt werden. „Letztlich bestimmen die Füße des Patienten.“