Bayerns größte Räuberbande

von Redaktion

Helmut A. Seidl aus Augsburg ist Historiker. Durch einen zufälligen Archivfund ist er auf die größte Räuberbande gestoßen, die es jemals in Bayern gab. Andrä Mühlbauer war ihr Anführer. Vor über 200 Jahren klaute er sich um Kopf und Kragen.

VON STEFAN SESSLER

Im Oktober 1814 wollen sie den Mühlbauer, diesen Ausnahmekriminellen, ins Gefängnis nach München bringen. Der Gefangenentransport läuft schon. Das königl.-baierische Landgericht Deggendorf hat ihn gerade erst verurteilt. Auf Andrä Mühlbauer warten Haft und körperliche Züchtigung. Aber der berüchtigte Bandenchef mag nicht ins Gefängnis.

Mühlbauer ist erst 18, aber er hat schon Schafe gestohlen, den Laden eines Webers ausgeraubt, einen Einödhof überfallen und die alten Bauersleut gefesselt. Dort fragt er: Wo ist euer Geld? Der Bauer antwortet nicht. Mühlbauer, der ein aufbrausender Dampfkessel ist, droht, ihn zu erstechen. Das tut er nicht, stattdessen verdrischt er ihn. Dann endlich verrät der Bauer sein Versteck. Mühlbauer nimmt das Geld. Es ist ihm zu wenig. Aus Frust stiehlt er sogar das Bettzeug.

Wenig später überfällt er mit einem Kumpanen einen Söldner, der auf einem abseits gelegenen Hof lebt. Der Mann hat gerade Vieh für 500 Gulden verkauft. Den Tipp hat Mühlbauer von seiner Mutter bekommen. Nachts klopft er an und sagt, er brauche eine Fackel, um „durch den nahen finsteren Wald weiter fortkommen zu können“. Der Mann öffnet. Mühlbauer und sein Kumpan überwältigen ihn und seine Ehefrau. Die Eindringlinge schlagen mit einem Stock zu und zücken eine gespannte Pistole. Stundenlang misshandeln sie das Ehepaar.

Der Mühlbauer Andrä, Sohn eines Tagelöhners aus der Deggendorfer Gegend, ist ein Berufskrimineller. Seine Geschichte treibt einem schnell jeden verklärten Gedanken aus, dass in Bayern früher vieles besser war. Damals herrscht eine Räuberplage im Land. Es ist die Zeit der Napoleonischen Kriege, Armut ist Alltag, viele Menschen leben als heimatlose Rumtreiber auf der Straße. Viele werden zu Kriminellen.

Helmut A. Seidl aus Augsburg ist Historiker. Er hat den Mühlbauer vor dem Vergessen bewahrt, er hat ihm nachgeforscht und er hat einen spektakulären Archivfund gemacht. „Die Mühlbauerbande“, sagt Seidl, „war zweifelsohne die größte Räuberbande, die Bayern je gesehen hat.“ In den Gerichtsakten sind 78 Mitglieder verzeichnet. Mehr hatte keine Bande, Seidl hat nachgezählt. Er ist stolz auf seinen Fund, auch in der Geschichtswissenschaft sind Superlative offensichtlich eine wichtige Währung.

Seidl will im Stadtarchiv von Landshut eigentlich nach was ganz anderem suchen, als er zufällig auf ein riesiges Aktenbündel stößt, 19 Bände mit 10 000 Seiten. „Alle Gerichtsakten haben den Betreff Andrä Mühlbauersche Räuberbande“, sagt Seidl. Ein Dreivierteljahr lang fährt er von Montag bis Donnerstag nach Landshut – und wühlt sich durch die Akten. Eine gigantische Fleißarbeit. „Wenn ich nicht zufällig drauf gestoßen wäre“, sagt Seidl, „dann wären die Akten vielleicht noch 200 Jahre im Archiv geblieben.“ Oder für immer.

Die Mitglieder der Mühlbauerbande sind nie gemeinsam auf Raubzug, sondern immer in kleinen Trupps. „Der Mühlbauer war am häufigsten unterwegs“, sagt Seidl. „Er schritt bei den Überfällen immer voran. Manchmal musste er zurückgehalten werden, weil er zu rabiat war.“

Mühlbauer ist inzwischen vergessen, es gibt keine Lieder oder Geschichten über ihn. Die Überlieferung hat nicht gehalten. Aber zu Lebzeiten kannten viele den Namen. Er hatte eine „gewisse Celebrität“, so steht es in den Akten. Er war eine Verbrecher-Berühmtheit. Es gibt zwar kein einziges Bild von ihm, dafür wissen wir genau, wie er ausgeschaut hat. Die Obrigkeit hat mit Steckbriefen nach ihm gefahndet. Dort heißt es: Er „ist schlanken Wuchses, hat dunkelbraune, etwas langgeschnittene Haare, dunkelbraune Augenbrauen, braune Augen, ein längliches mageres Gesicht, längliche spitze Nase, kleinen Mund, spitziges Kinn, durchaus gute schöne weiße Zähne“.

Eine Phantombildzeichnerin des bayerischen Landeskriminalamts hat aus allen körperlichen Merkmalen, die der Historiker Seidl gefunden hat, für unsere Zeitung ein Bild des Räubers entworfen. Dieses sieht man auf der rechten Seite. Das könnte er gewesen sein: Mühlbauer, der notorische Bandit. Schon die Mama hat sich immer wieder Räuberbanden angeschlossen.

Nach seiner Flucht aus dem Gefangenentransport macht Mühlbauer weiter wie bisher. Mit dem „schmierigen Toni“ geht er nachts auf Diebestour. Am 25. Oktober 1814 entwendet er in einem Haus alles, was er in die Hände kriegt, „Weibsbilder-Schuhe“, Röcke, eine Schürze und ein Paar Stiefel.

Eine Woche später stiehlt er mit drei Gehilfen einen geweihten Tragaltar direkt aus der Kirche raus. Mühlbauer ist abergläubisch. Er stampft den Altarstein zu einem Pulver – und schluckt es. Es ist ein uralter Glaube, dass man sich auf diese Weise gegen Hiebe, Stiche und Schüsse schützen kann. Der Räuberchef denkt, er sei jetzt unverwundbar. Also geht er weiter auf Raubzug. Er klaut Geld, Stiefel, Juchtenleder und hundert andere Dinge. Er klaut scheinbar pausenlos.

Bayern hat damals ein Zehntel der heutigen Bevölkerung. In abgelegenen Gegenden kann man stundenlang unterwegs sein, ohne eine Menschenseele zu treffen. Für Räuberbanden sind Reisende leichte Opfer. Aber Mühlbauer geht anders vor. „Er überfällt Einöden“, sagt Seidl, „also eigentlich seinesgleichen.“ Er nimmt nicht von den Reichen, um es den Armen zu geben. Sondern er nimmt von den nicht ganz so Armen, um es sich zu geben. Das ist auch ein Grund, warum er nie zum Liebling des Volkes wurde wie viele seiner Räuber-Kollegen (siehe Randspalte).

„Räuber Heigl oder Räuber Kneißl waren Mörder und wurden zu Volkshelden“, sagt Seidl. „Denen wurde zu Unrecht das Robin-Hood-Etikett verpasst.“ Ein bisschen ungerecht findet der Historiker das schon. „Dem Mühlbauer wurde ein Mordversuch zur Last gelegt“, sagt er, „aber umgebracht hat er soweit man weiß niemanden.“ Trotzdem nimmt es kein gutes Ende mit ihm. Am 6. Dezember 1814 wird er erneut verhaftet. Straubinger Justizbeamte vernehmen ihn – und erfahren Unglaubliches. Mühlbauer verrät sein Räubergeflecht, er denunziert über 70 Komplizen, sie kommen aus Niederbayern, der Oberpfalz, einer lebt in Altötting. Sogar seine Geliebte und seine Mutter liefert er ans Messer.

Eine Prozesslawine kommt ins Rollen, ein Großteil seiner Bande wird in den folgenden Jahren verhaftet. Mühlbauer selbst wird zum Tode verurteilt. Am 10. Mai 1817 zückt der Straubinger Scharfrichter Zankl sein Schwert und richtet den Räuber hin. Sein Richtschwert trägt die Inschrift: „Die Herrn steuern dem Unheil/ Ich Exequire ihr Urtheil.“

Zankl braucht zwei Hiebe, um Mühlbauers Kopf vom Rumpf zu trennen. Damalige Zeitungen berichten auf ihrer Titelseite vom Tod. Doch schon bald gerät der Räuber in Vergessenheit – bis Historiker Seidl ihn über 200 Jahre später wieder aus dem Archiv holt.

Seidl hat auch schon eine Idee, wie der Rekord-Kriminelle im Gedächtnis bleiben könnte. „Vielleicht mit einem Räuber-Mühlbauer-Wanderweg in seinem Heimatort“, sagt er. Der Heimatort von Mühlbauer heißt Schöllnach in Niederbayern. Es ist übrigens auch Seidls Heimatort.

Das Buch

„Der Kreuzlmacherbube und Konsorten: Bayerns größte Räuberbande“ von Helmut A. Seidl. BoD. 264 Seiten, 29,90 Euro.

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