Das Gemälde im Büro des Ministers zeigt eine Straße, ein frisch saniertes Haus und ein ungelenkes gelbes Strichmännchen mit blauen Beinen. „Das bin ich“, sagt Hans Reichhart stolz. Der Maler war sein kleiner Sohn – und der hat Papas Welt als Bayerns Minister für Wohnen, Bau und Verkehr verewigt. Jetzt hängt Reichhart das Bild ab. Er wird in Kürze zurücktreten und räumt das Büro. Der 37-Jährige tritt in seiner Heimat Günzburg für die CSU zur Landratswahl an. Was hat er bewirkt in seiner Amtszeit seit November 2018? Ein Interview zum Abschied.
Herr Reichhart, ist Bayerns Verkehrsminister ein mächtiger Mann oder ein armer Hund?
Mächtig? Das ist vielleicht der falsche Ausdruck. Aber es ist ein ganz tolles Amt, um langfristig viel zu gestalten.
Sie hatten nur 15 Monate. Was ist gelungen, wo sind Sie gescheitert?
Wir haben einiges vorangebracht. Die bayerische Bauordnung wird entschlackt, die größte Änderung seit über einem Jahrzehnt. Bayernheim beginnt, hunderte Wohnungen zu bauen. Wir haben die Umplanung der zweiten Stammstrecke angepackt. Das 365-Euro-Ticket kommt in diesem Jahr. Die Verkehrsverbünde zum Beispiel in Oberbayern werden immens erweitert. Die Ringbusse rund um München werden super aufgenommen.
Klingt ja schön. Unsere Region klagt aber über Verkehrschaos, Wohnungsnot, Mietexplosion!
Der rasante Anstieg der Mieten in München ist zum ersten Mal spürbar gebremst. Was wir als Staat beim Verkehr machen können, haben wir angeschoben. Da stoßen wir aber an Kapazitätsgrenzen der Infrastruktur. Ich hätte zum Beispiel gern früh und abends einen direkten Metropolen-Express aus Landsberg, Augsburg, Landshut oder Rosenheim nach München eingesetzt – aber der Hauptbahnhof dort ist komplett voll.
Ihr legendärer Vorvorgänger Wiesheu drohte einem Bahn-Manager mal, es gebe bald eins „auf die Nuss“. Wie oft mussten Sie diese Drohung einsetzen?
Als die Taktverstärker-Züge bei der S-Bahn ausgefallen sind, waren ein bisschen deutlichere Gespräche nötig, bis die Züge ersetzt wurden. Es gab aber auch viele Sachen bei der Bahn, die gut gelaufen sind. Der Freistaat schiebt da mit viel Geld an. Bayernweit stärken wir die Züge, es gibt viele Millionen Zugkilometer zusätzlich, Bayern finanziert die Elektrifizierung im Oberland vor und wir planen den S-Bahn-Nordring in München.
Sie hinterlassen ein Milliardenloch Stammstrecke. Soll Ihre Nachfolgerin Schreyer die nächste Verzögerung bekannt geben, oder erledigen Sie das jetzt noch schnell?
(lacht) Es ist ein dynamisches Projekt. Die Zahlen, die wir haben, sind im Kostenrahmen. Die Bahn sagt, dass wir auch im Zeitrahmen sind. Es ist jetzt kurzfristig ein neuer Bahnhof für die U 9 dazugekommen, das ist sinnvoll.
Jenseits der Einzelprojekte: Hat Bayerns Verkehrspolitik eine Vision, ein langfristiges Ziel?
Wir überdenken die Politik von vor einigen Jahren, sich nur aufs Auto zu fokussieren. Das Auto wird eine Zukunft haben, auch noch in der Innenstadt – aber nur in einem Miteinander aller Verkehrsmittel. Wir stehen ja erst am Anfang von riesigen Veränderungen bei der Mobilität – ein Auto zu besitzen, ist gar nicht mehr so wichtig. Die Menschen wollen schnell und günstig von A nach B, egal, ob auf der Straße, Schiene, per Rad, Roller oder Seilbahn.
Der Münchner Konzertsaal kämpft mit einer Kostenexplosion. Sollte man den Standort überdenken, oder nur das Ausmaß?
Die Untersuchungen laufen, wir bekommen erst Mitte des Jahres eine erste Kostenschätzung. Der Kubikmeter-Preis ist konstant. Die Anforderungen haben sich geändert. Wir hinterfragen jetzt, welches Raumprogramm es wirklich braucht und was nicht zwingend erforderlich ist.
Ihr Ressort ist für sehr sensible Themen zuständig. Alle halbe Jahre wechselt aber der Minister. Wann endet der Drehtür-Effekt?
Jeder Wechsel hatte unterschiedliche Gründe. Aber wir haben hier starke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eine gute Struktur. Die Projekte laufen. Und ich glaube auch, dass Kerstin Schreyer lange Ministerin bleiben wird. Es ist gut, wenn hier nun Konstanz reinkommt.
Sie haben Bayern regiert. Künftig verwalten Sie ein Landratsamt irgendwo hinter Augsburg. Wie reden Sie sich das schön?
Sie waren noch nie in Günzburg! Ich bin dort daheim. Mir ist die Entscheidung für die Landratskandidatur nicht leicht gefallen. Aber ich freue mich auf die sehr direkten und schnellen Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort.
Vorteil: Sie haben keinen Chef mehr. Regiert Söder den Ministern zu viel rein?
Ich habe alle Freiheiten gehabt, die ich wollte – ich habe sie mir auch genommen. Es war ein echt gutes Miteinander.
Was ist dann der echte Grund für den Wechsel? Öfter Mal Zeit fürs Legoland mit den Kindern?
Das ist auf jeden Fall ein angenehmer Nebeneffekt.
Das Interview führten Christian Deutschländer und Mike Schier