Die Spanische Grippe ist bis heute die schlimmste Pandemie

von Redaktion

In China führt das Corona-Virus zu umfassenden Vorsichtsmaßnahmen, auch in Europa werden Vorbereitungen getroffen für eine Krankheitswelle. In einer Serie stellen wir historische Seuchen vor, heute: Spanische Grippe.

VON TATJANA COERSCHULTE

Spanisch war an dieser Grippe lediglich ein besonders bekannter Patient: Der spanische König Alfons XIII. leidet im Frühjahr 1918 wie viele seiner Landsleute an einer rätselhaften Krankheit, täglich kommen neue Fälle hinzu. Im Mai 1918 berichtet die Madrider Zeitung „El Sol“ über das Leiden, bei dem sich die Haut der Erkrankten tiefblau verfärbt, bevor sie sterben. Der König überlebt. „El Sol“ ist indessen die erste Zeitung in Europa, die darüber schreibt. Nicht die Krankheit kommt aus Spanien, sondern die erste Nachricht über sie. Als „Spanische Grippe“ geht die Influenza-Welle der Jahre 1918 bis 1920 in die Geschichte ein. Sie ist bis heute die tödlichste Seuche, die in rasendem Tempo weltweit mindestens 25 Millionen Menschen dahinraffte. Medizinhistoriker gehen davon aus, dass der erste Fall der Spanischen Grippe im März 1918 in einem Militärlager im US-Bundesstaat Kansas auftaucht. Anders als sonst ist diese Grippe nicht allein für Kinder, ältere oder durch eine andere Krankheit geschwächte Menschen gefährlich. Sie tötet junge, gesunde Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. In dem Militärlager erkranken binnen einer Woche 500 Männer. Drei Monate später wird die Krankheit aus Australien, China und Indien gemeldet. Mit den Truppentransporten des Ersten Weltkriegs gelangt sie nach Europa.

Während im Frühjahr 1918 viele Patienten an Schüttelfrost und Fieber leiden, wird die Seuche in einer zweiten Ansteckungswelle ab Herbst 1918 todbringend: Die Erkrankten sterben binnen Stunden an Lungenversagen, wegen des Sauerstoffmangels färbt sich ihre Haut blau bis schwarz-violett. „Morgens krank, abends tot“, beschreiben Bewohner der Insel Java den Verlauf. Ärzte schildern die Atemnot, in der die Patienten um ihr Leben kämpfen – und rätseln, was die Krankheit auslöst. Erst 1933 entdecken Forscher das Influenza-Virus. Es wird durch Tröpfchen-Infektion übertragen, etwa beim Husten oder Niesen. Grippeviren sind wandlungsfähig, weswegen heutzutage der Impfstoff in jedem Jahr neu zusammengesetzt wird. Mit der Wandlungsfähigkeit erklären Forscher auch, warum die Spanische Grippe eine so hohe Aggressivität entfalten konnte.

Ein Team der Universität von Arizona (USA) zeigte auf, dass das H1N1-Virus der Spanischen Grippe wahrscheinlich im Frühjahr 1914 durch die Kreuzung eines Vogelgrippevirus mit einem damals zehn bis 15 Jahre alten menschlichen Virus entstand. Damit wäre plausibel, warum ab 1918 so viele 20- bis 40-Jährige starben: Wer damals jünger oder älter war als diese Altersgruppe, hatte als Kind vermutlich eine Grippe erlebt, deren Erreger dem der Spanischen Grippe ähnlich war, und Antikörper entwickelt.

Forscher gehen davon aus, dass bei den 20- bis 40-Jährigen eine Überreaktion des Immunsystems das Lungengewebe zerstörte. Weltweit sollen damals bis zu 500 Millionen Menschen infiziert gewesen sein, die Opferzahlen werden auf 25 bis 50 Millionen Menschen geschätzt, in Deutschland starben rund 400 000 Menschen. Auch ein heute weltbekannter Künstler kam um: Der Wiener Maler Egon Schiele zeichnet im Oktober 1918 seine an der Spanischen Grippe sterbende, schwangere Frau. Drei Tage später erliegt er selbst der Seuche. 1920 verschwindet das Grippevirus H1N1. 90 Jahre später spüren Wissenschaftler aus Nashville (USA) 32 Menschen auf, welche die Spanische Grippe noch erlebt haben. Damals waren die Probanden zwischen zwei und zwölf Jahre alt, jetzt sind sie um die 100. Im Blut aller weisen die Forscher Antikörper gegen das Virus von 1918 nach.

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