Eine Uni für die Wissenschafts-Elite

von Redaktion

Bayern bekommt in absehbarer Zeit eine zehnte Landes-Universität, die TU Nürnberg. Sie soll eine Oase der Wissenschaft sein, mit nur 25 bis 30 Studenten, die ein Professor betreuen muss. Elite statt Masse: Das weckt Begehrlichkeiten – und Kritik.

VON DIRK WALTER

München/Nürnberg – Der Anfang ist geschafft: Mit dem Wissenschaftsrat hat das wichtigste wissenschaftspolitische Beratergremium Deutschlands das Gründungskonzept der Technischen Universität Nürnberg genehmigt – wenn auch mit einigen Abstrichen. Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) spricht von einem Meilenstein. Es ist die erste Universitäts-Gründung seit 1978, als die Uni in Passau eröffnete.

Jetzt soll es schnell gehen. Schon zum 1. Januar 2021 soll ein Gründungspräsident und ein Kernteam für den Aufbau der neuen Uni im Nürnberger Süden gefunden werden, kündigte Sibler gegenüber unserer Zeitung an. Eine Findungskommission unter Leitung des Elektrotechnik-Professors an der TU München, Sami Haddadin, macht sich auf die Suche. Ebenfalls in einem Jahr ist ein Errichtungsgesetz geplant. Erste Studenten werden in einigen Jahren erwartet.

Der Wissenschaftsrat lobt vor allem die Neuausrichtung der Uni, die – Stand jetzt – nach sieben Departments wie etwa „Mechatronic Engineering“ oder „Natural Sciences & Mathematics“ mit flachen Hierarchien statt nach Fakultäten gegliedert werden wird. Kritisch wird angemerkt, dass die Betreuungsrelation – 200 bis 240 Professoren bei 5000 bis 6000 Studierenden – „ehrgeizig“ ist und dies aus finanziellen Gründen „nicht regelhaft auf andere Hochschulen übertragen werden“ könne. Unterricht fast wie an Schulen in Klassengrößen also: Sibler rechtfertigt dies: Das Konzept sei „eine Blaupause für Deutschland“ – „wir wollen zeigen, dass durch eine niedrige Betreuungsrelation die Lehre noch ein Stück besser wird“.

Wolfgang Heubisch, von 2008 bis 2013 bayerischer Wissenschaftsminister und heute FDP-Landtagsabgeordneter, interpretiert die Stellungnahme des Wissenschaftsrates als „sehr ernsthafte Mahnung“. Das Zahlenverhältnis Studenten–Professor, merkt Heubisch an, sei an den neun anderen bayerischen Universitäten sehr viel ungünstiger – in der Regel kommt hier ein Professor auf 60 bis 70 Studierende. „Die anderen bayerischen Universitäten dürfen nicht hintangestellt werden“, fordert Heubisch. Er sieht auch die angekündigten Eignungsprüfungen kritisch. Um die Studentenzahlen klein zu halten, werden die Prüfungen wahrscheinlich saftig ausfallen. Was zähle dann noch das bayerische Abitur?

Offene Kritik an einer Benachteiligung ist von den anderen Universitäten nicht zu hören – noch nicht. Man beobachte die Gründungsphase der TU Nürnberg „mit Interesse“, heißt es an der TU München. Natürlich könne die Hightech-Offensive der Staatsregierung mit 1000 neuen Professoren Entlastung bieten, aber der Ansturm der Studenten sei seit Jahren ebenfalls hoch. Wenn sich nichts bessere, werde man die Kapazitäts-Verordnungen ändern müssen. Diese bestimmen in relativ komplizierten Berechnungen, wie viel Studenten ein Studiengang aufnehmen muss. Hier etwas zu ändern, sei aber „ein dickes Brett“, sagt der Pressesprecher der TUM, Ulrich Marsch.

Es gibt noch weitere Punkte, die deutschlandweit Beachtung finden. So soll die TU Nürnberg einen Ausländeranteil von 40 Prozent bei den Studierenden haben. Auch deshalb ist die Lehrsprache Englisch. Man erhofft sich davon internationales Renommee. „40 Prozent sind eine Ansage“, sagt Heubisch, ein Verfechter von Studiengebühren, der spitz darauf verweist, dass das Studium in Bayern für alle kostenlos sein werde – was umgekehrt, für Bayern im Ausland, nicht so sei. Heubisch ist es auch, der bei der TU Nürnberg eine explizite Frauenförderung anmahnt. Das Gutachten des Wissenschaftsrats schweigt dazu – und Wissenschaftsminister Sibler bekennt sich zwar zur Frauenförderung. Er ist aber strikter Gegner einer Frauenquote.

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