„Am politischen Klima wäre er verzweifelt“

von Redaktion

Max Mannheimer wäre am Donnerstag 100 Jahre alt geworden. Sein Sohn Ernst berichtete in Dachau von seinen ganz persönlichen Erinnerungen an seinen Vater. Wie der es geschafft hatte, am Holocaust nicht zu zerbrechen. Und er erklärte, wieso die Lebensgeschichten der Überlebenden kein Auftrag an ihre Nachkommen sein können.

VON KATRIN WOITSCH

Dachau – Als Ernst Mannheimer bewusst wird, was sein Vater hinter sich hat, ist er bereits ein junger Mann. Es ist ein Tag Mitte der 80er-Jahre. Max Mannheimer soll eine Lesung halten, mit seinen Zuhörern zurückreisen in die Vergangenheit. Das hat er noch nicht oft getan – obwohl diese Vergangenheit schon vier Jahrzehnte zurückliegt. Er ist nervös und bittet seine Frau und seinen Sohn, ihn zu begleiten. Ernst Mannheimer weiß nicht, wohin er blicken soll, während sein Vater redet. „Ich musste mich die ganze Zeit zwingen, nicht aus dem Raum zu rennen“, sagt er. Dieser Tag sei für ihn jenseits des Erträglichen gewesen. Und trotzdem wusste er, dass er sich der Vergangenheit seines Vaters nicht verweigern konnte.

Max Mannheimer hat vor seinen Kindern nie über seine Zeit im Konzentrationslager gesprochen. „Ich erinnere mich an andere Überlebende, mit denen er befreundet war“, erzählt sein Sohn bei einem Gespräch in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Wenn sie zu Besuch kamen, sei über einen „Onkel Adi“ geredet worden. Was sie sagten, klang für ihn als Kind wie traurige Erlebnisse auf einem Abenteuerspielplatz. „Die Dimension war für mich unvorstellbar.“ Jeder dieser „wunderbaren Menschen“, die er durch seinen Vater kennenlernte, hätte eine ganz gewöhnliche Vergangenheit gehabt haben können, sagt er. „Der Erkenntnisschock, welche Vergangenheit sie wirklich hatten, kam erst mit dem Geschichtsunterricht.“ Auf einmal blickte er anders auf die kindlichen Fragen, die er seinem Vater früher gestellt hatte. Zum Beispiel die Frage nach den tätowierten Zahlen auf seinem Arm. „Er hatte immer gesagt, er habe ein schlechtes Zahlengedächtnis, das sei die Telefonnummer von seinem früheren Zuhause gewesen.“

Max Mannheimer hat mit seiner Familie nicht über den Holocaust gesprochen. „Auch nicht nach der Lesung damals“, erzählt sein Sohn. „Ich hatte nicht das Gefühl, ich hätte Fragen stellen können.“

Die Gespräche vor den Schulklassen hingegen wurden für Max Mannheimer im letzten Drittel seines Lebens sehr wichtig – wichtiger als jede Begegnung mit Politikern. „Er war überzeugt, dass er mit diesen Gesprächen einen Beitrag leisten kann, dass so etwas wie der Holocaust nicht noch einmal passiert“, sagt Ernst Mannheimer. „Es war seine Hoffnung, dass er den Schülern eine Botschaft mitgeben kann.“ Sein Sohn ist überzeugt, dass ihm das geholfen hat, seinen Frieden zu finden. Für Ernst Mannheimer ist es heute oft noch unbegreiflich, wie sein Vater den Holocaust überleben und danach so ein warmherziger Mensch sein konnte. „Sein Humor war seine positive Lebensenergie“, sagt er. Auch seine Kinder sagten oft: „Opa war immer der Amüsanteste.“ Ernst Mannheimer glaubt, der Zauber seines Vaters lag darin, dass er mit jedem Menschen Gemeinsamkeiten finden konnte. „Er ist auf alle zugegangen.“ Er erinnert sich an eine unfassbare Szene. „Einmal hat er einen Neonazi angesprochen, der eine Tätowierung hatte. Er zeigte ihm die Häftlingsnummer auf seinem Arm und sagte: Ich habe auch eine.“ So war sein Vater eben, sagt er. „Es war seine große Gabe, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, ohne dass sie ihn fertigmacht.“

Ernst Mannheimer empfindet es nicht als seinen Auftrag, die Zeitzeugengespräche seines Vaters weiterzuführen, betont er. „Ich kann nur von meiner Wahrnehmung meines Vater erzählen, aber nicht seine Geschichte.“ Diese Arbeit, davon ist er überzeugt, liegt, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, in der Verantwortung von Menschen, die sich bewusst und professionell mit dem Holocaust beschäftigen.

Er vermisst die Präsenz seines Vaters in seinem Leben sehr. „Aber ich hätte ihm nicht gewünscht, dass er seinen 100. Geburtstag erlebt.“ Weil das Leben für ihn nach seiner Operation nicht leichter geworden wäre, sagt er. Vor allem aber, weil er dann hätte mitverfolgen müssen, wie sich das politische Klima wieder verändert. „Das hätte ihn sehr verzweifelt gemacht – und noch mehr darin bestärkt, wie vehement der Kampf gegen das Vergessen geführt werden muss.“

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