„Sabine“ lässt alle Räder stillstehen

von Redaktion

Nichts geht mehr – Sturm „Sabine“ sorgte für viele gesperrte Straßen und hunderte annullierte Flüge. Die Bahn in Bayern stoppte ihre Züge sogar komplett. Ein Bahnsprecher rechtfertigt das.

VON DIRK WALTER

München – Eine S-Bahn, die am Bahnhof strandet, ein Lokführer, der hektisch telefoniert – und dann Fahrgäste vertröstet: „Bis 9 Uhr fährt erst mal nichts.“ So oder so ähnlich erlebten es zahllose Fahrgäste gestern Morgen. Oberbayern war zeitweise eine bahnfreie Zone.

Dabei hatte es sich die S-Bahn eigentlich anders gedacht: Während DB Regio den Bahnverkehr in Bayern von Anfang an komplett einstellte, taktierte die S-Bahn München zunächst: Nur die Züge des 10-Minuten-Takts sollten ausfallen, hieß es am Montagfrüh. Ansonsten fuhren die S-Bahnen kurz nach 5 Uhr los, als gäbe es keinen Sturm. Und sie waren sogar pünktlich, wie ein Bahnsprecher sagte. Der Plan ging auf – aber nur bis kurz vor 8 Uhr. Da entschied die Leitzentrale, die S-Bahnen aus Sicherheitsgründen doch auf allen Außenästen zu stoppen. „Das Sturmtief gewinnt über Bayern an Stärke. Wir reduzieren aus Sicherheitsgründen den Betrieb“, hieß es. Der Grund: Bei Höhenkirchen-Siegertsbrunn rauschten die ersten Bäume in die Oberleitung. An die 25 Schadstellen, zum Beispiel auch bei Fürstenfeldbruck, Olching und Tutzing, zählte die Bahn in Oberbayern schließlich.

Die S-Bahnen fuhren nur noch zum nächsten Bahnhof und endeten dort. „Das Konzept hat sich bewährt“, sagte der Bahnsprecher. „Wir mussten keine Fahrgäste aus liegengebliebenen Zügen evakuieren.“ Allerdings: Tausende Fahrgäste saßen an den Außen-Bahnhöfen fest. Da half es auch nichts, dass auf der Stammstrecke zwischen Pasing und Ostbahnhof einzelne Pendel-S-Bahnen fuhren.

Die Bayerische Oberlandbahn fuhr am Montag erst gar nicht los. Erst hieß es, um 8 Uhr könnten Züge starten, dann wurde es 10 Uhr, schließlich 14 Uhr. Auch hier wunderten sich Reisende, warum nicht auf Teilstrecken gefahren wurde. So machten es die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), die ihre Züge trotz Sturms über das Deutsche Eck Kufstein–Rosenheim–Salzburg fahren ließen – während der Meridian eben nicht fuhr. Ein Nightjet der ÖBB aber kollidierte prompt mit einem Baum – die Fahrgäste mussten bei Grafing (Kreis Ebersberg) auf freier Strecke über drei Stunden im Zug ausharren.

Am Flughafen München gab es 700 Annullierungen – zwei von drei Flügen fielen aus. Vor allem Lufthansa strich großflächig, andere Airlines starteten indes unverdrossen durch. „Jede Fluggesellschaft trifft die Entscheidung selbst“, sagt Flughafen-Sprecher Ingo Anspach. Erschwerend kam hinzu, dass der Flughafen Montagfrüh um 7.45 Uhr einen Abfertigungsstopp erließ, der fast den ganzen Tag andauerte. Wegen heftiger Windböen kam niemand mehr an die Maschinen ran, weder zum Be- und Entladen, noch zum Entleeren der Flugzeugtoiletten oder zur Frischwasserzufuhr. Teilweise setzte die Flughafenfeuerwehr auch stabile Treppen ein, da die normalen Fahrgasttreppen dem Wind nicht standgehalten hätten. Das war auch bei einer Maschine der South African Airways so, die um 8 Uhr aus Johannesburg bei turbulenten Windverhältnissen in München landete. „Jetzt brauchen wir alle einen starken Drink“, sagte der Pilot einer BR-Reporterin. Mehrere Maschinen mussten in München kurz vor der Landung durchstarten – solche „Fehlanflugverfahren“ seien aber Standard, sagte Sandra Teleki von der Deutschen Flugsicherung in München.

Der Flughafen bot auch einzelnen Maschinen Asyl – so einer Boeing 777, die auf dem Weg von Tokio nach London am Sonntagabend außerplanmäßig in München aufsetzte.

Mit dem Auto war es kaum weniger schwierig loszukommen. Die Polizeipräsidien Oberbayern-Süd und -Nord zählten 360 Einsätze – auch wegen umgestürzter Bäume wie zwischen Seeshaupt und Starnberg oder Straßlach und Großdingharting. Auf der A 94 bei Dorfen wehte eine Böe einen Anhänger mit Obst und Gemüse um, auf der A 92 bei Landshut stürzte ein Lastwagen um, und auf der A 3 bei Nittendorf in der Oberpfalz hob eine Windböe einen Anhänger auf die Leitplanke zwischen den Fahrbahnen. Noch ehe der Abschleppdienst kommen konnte, erfasste der Wind den Anhänger erneut und stellte ihn wieder auf. Wie praktisch.

Artikel 1 von 11