Noch ist das alte Bahnausbesserungswerk eine große Baustelle. Aber die Halle wirkt aufgeräumt, so, als würde hier permanent jemand durchfegen. Das Grobe ist getan, jetzt muss es zügig vorangehen. Spätestens Ende 2020 soll die „Motorworld“ öffnen. Endlich. Andreas Dünkel steht vor dem Rohbau, der mal das Hotel sein wird, und spricht gestenreich mit Arbeitern. Dann eilt der Chef der „Motorworld Group“ schnellen Schrittes herüber und sagt: „Ich hoffe, dass ich besser schlafe, wenn dieses Mammutprojekt hier fertig ist.“
Andreas Dünkel, 55, ist heute aus Schemmerhofen gekommen, wie so oft in den letzten Jahren. In der Gemeinde im Kreis Biberach-Riss in Baden-Württemberg lebt er, dort hat das Familienunternehmen seinen Stammsitz. Dass er viele Projekte parallel laufen hat, ist der Unternehmer gewohnt. Aber München ist gerade sein Sorgenkind. Anfang 2019 sollte die Motorworld eröffnen, nun soll es im vierten Quartal 2020 sein. Und Dünkels Blick verrät: Auch das ist sportlich.
Die alte Dampflokrichthalle an der Lilienthalallee im Münchner Stadtteil Freimann stand lange leer. Die Bahn hatte das Werk 1995 aufgegeben (siehe Artikel links) und niemand wusste so recht, was mit dem rund 40 000 Quadratmeter großen Giganten geschehen soll. Zumal die Halle unter Denkmalschutz steht. Ein Modezentrum war im Gespräch. Die Idee eines neuen kulturellen und sozialen Mittelpunkts für Freimann schien der Stadt finanziell nicht darstellbar.
Die Lösung lag in der Teilung. Eine Hälfte der Halle hat die Schweizer Baumarktkette Bauhaus übernommen, die andere Hälfte baut Andreas Dünkel gerade zu einer neuen Motorworld um.
Es wird die dritte ihrer Art. Seit eineinhalb Jahren gibt es die Motorworld Köln-Rheinland, jene am alten württembergischen Landesflughafen Böblingen sogar seit zehn Jahren. „Böblingen ist voll vermietet. Wir hatten noch nie einen Leerstand“, erzählt Dünkel. Auch München wird ein Erfolg, ist er sich sicher.
Die Motorworld ist eine Mixtur aus Männerträumen, Shopping und Business. Im Mittelpunkt steht das Auto. PS-Freunden wird es an nichts fehlen. Man kann sein Auto reparieren oder pflegen lassen, Autos mieten, kaufen, Gutachten erstellen lassen. Vor allem Oldtimer-Fans soll die Welt ansprechen – bei freiem Eintritt. Damit auch die Familie Spaß hat, gibt es Cafés, Restaurants, Geschäfte und eine Bar. Auch Foodtrucks und eine Pralinerie stehen auf der Mieterwunschliste. Wer in den „Drivers & Business Club“ will, muss Mitglied sein. Das wird man nur auf Empfehlung.
Auch ein Hotel wird es geben – mit 155 Zimmern. Drei davon sind „Car-Loft-Zimmer“. Man fährt mit dem Auto direkt ins Zimmer, eine Glaswand trennt Bett und Parkplatz. Die Betten sind aus alten Autokarosserien gemacht. Das Hotel dürften vor allem Geschäftsleute nutzen. Denn die Motorworld ist auch Kongresszentrum. Der große Saal fasst 2400 Personen. Es gibt Tagungsräume und Event-Areas. Vorstände sollen hier Deals aushandeln, Ärzte Kongresse ausrichten, Firmen mit der Belegschaft feiern.
Durch verglaste Wände hat man dabei Sicht auf das Herzstück der Motorworld: die verglasten Parkboxen. Hier können sich Oldtimerbesitzer einmieten, die ihre Fahrzeuge sicher verwahrt wissen oder verkaufen wollen. Die gestapelten Boxen sind rotierbar, damit man jederzeit rein- oder rausfahren kann.
Oldtimer sind Dünkels große Leidenschaft. Er sammelt selbst, Teile der Sammlung stehen in seinen Motorwelten. Bei einer Auktion in Belgien hat er jüngst den Rolls- Royce von Muhammad Ali ersteigert. „Das war sein erstes Luxus-Auto“, erzählt er. Der Royce wird gerade restauriert und in München zu sehen sein – ebenso wie der VW Käfer von Paul Newman und Michael Schumachers erstes Weltmeisterauto von 1994, ein Benetton. Sogar einen fabrikneuen Käfer besitzt Dünkel. „Da ist noch das Wachs drauf von der Auslieferung. Über 30 Jahre alt, nie gefahren.“
In der Motorworld geht es aber auch um Zukunftstechnologien wie die E-Mobilität. So hat der Luxusautodesigner Automobili Pininfarina gerade den Vertrag für einen Showroom unterschrieben, um dort sein erstes selbst gebautes Auto zu zeigen – einen 1900 PS starken E-Boliden.
Und die Motorworld produziert ihren Strom selbst. Auf den Dächern der alten Lokhalle und des Zenith wird es große Solarlandschaften geben. Alle Motorworld-Standorte seien CO2-neutral, sagt Dünkel. Und zwar ohne den Zukauf von CO2-Zertifikaten.
Andreas Dünkel stammt aus einer Unternehmerfamilie. Großvater Ferdinand gründete 1933 in Schemmerhofen die Kieswerke Dünkel, bekam später eine Mercedes-Benz-Vertretung. Der Vater begann dann, Oldtimer zu sammeln. „Meine drei Brüder und ich sind schon mit dieser Autobegeisterung auf die Welt gekommen. Wir konnten kaum laufen, da sind wir schon Motorrad gefahren“, erzählt Andreas Dünkel. „Das war eine schöne Zeit!“
1996 gründete die Familie zusätzlich die „Activ-Group“, die Gewerbeimmobilien entwickelt. Die Activ-Group hat etwa den Gewerbepark Parsdorf mit rund 300 000 Quadratmetern für 250 Millionen Euro gebaut. Andreas Dünkel ist es also gewohnt, mit großen Summen zu hantieren. Um viel Geld geht es auch bei der Motorworld. Um die 150 Millionen Euro wird Dünkel am Ende investiert haben – 85 Millionen waren geplant.
Dünkel redet nicht so gern darüber. Er will nicht wie jemand wirken, dem die Millionen einfach so aus der Hand fließen. Der 55-Jährige ist ein bodenständiger Mensch. Wenn er erzählt, hat er stets ein Lob für seine Mitarbeiter, ohne die das alles nicht möglich wäre, wie er sagt. Aber der Umbau zieht sich und das steigert die Kosten. In Zeiten des Baubooms sei es schwer, genügend Handwerker zu finden, sagt Dünkel. Und dann ist da noch die Bürokratie.
Vor zehn Jahren hat Dünkel seinen Hallenteil von der CA Immo gekauft, die benachbarten Hallen Zenith, Kesselhaus und Kohlebunker obendrein. Dann, sagt er, habe ein Genehmigungsmarathon begonnen. „Eigentlich ist es ja simpel. Wir wollen eine Bauruine, die die Stadt unbedingt erhalten will, mustergültig revitalisieren. Aber in Großstädten sind solche Großprojekte naturgemäß nicht simpel zu verwirklichen.“ Der Baustart verzögerte sich. Mit der Denkmalschutzbehörde, sagt er, gebe es keine Probleme. „Die haben uns im Gegenteil ein großes Kompliment gemacht.“
Die Halle bleibt in ihrer historischen Substanz erhalten. Die markante Backsteinfassade, das Dach. Die gewaltigen Stahlträger werden in ihren Originalfarben in die moderne Innenarchitektur integriert, ebenso ein Stück Gleis.
Dünkel verliebt sich häufig in Altes. Seine Activ-Group hat schon viele denkmalgeschützte Häuser saniert. Die Villa Leuchtenberg in Lindau am Bodensee zum Beispiel, einst gebaut von Napoleons Urenkelin. Oder die Untere Schranne in Biberach, ein schwäbisch-alemannisches Fachwerkhaus. „Die meisten wollen das wegreißen. Aber in diesen Gebäuden stecken unglaubliche Geschichten, die wir erhalten müssen“, sagt er und zeigt Bilder der sanierten Schmuckstücke.
Letztlich begann so auch die Motorworld-Geschichte. In der Branche kennt man Dünkels Faible. Eines Tages wurde ihm der alte Landesflughafen Böblingen angeboten. „Eine echte Ruine, kurz vor dem Einsturz und alles unter Denkmalschutz“, erinnert er sich. Er griff zu. Das Motorworld-Konzept hatte er da schon im Kopf. Auch die Halle in Freimann hat er nicht aktiv gesucht. „Die kommen auf mich zu, weil sie sagen: Der Dünkel ist verrückt genug, um das zu tun.“ Ein bisschen verrückt, sagt er, müsse man dafür tatsächlich sein. „Aber am Ende des Tages muss man auch rechnen können.“
Die Motorworld-Gruppe wächst. Neben München entsteht gerade ein Standort im Ruhrgebiet in der alten Zeche in Herten, einst Europas tiefster Bergbauschacht. Die Motorwold Mallorca in der Nähe von Palma ist in Planung. Sogenannte „Motorworld Manufakturen“ realisiert Dünkel in Berlin, Metzingen, Zürich und Rüsselsheim.
Andreas Dünkel muss weiter. Es gibt viel zu tun bis zur Eröffnung. „Irgendwann“, sagt der Kapitän, „wünscht du dir wieder glatte See.“