Zwischenzeugnisse vor dem Aus?

von Redaktion

München – Der Zwischenzeugnistag hat seinen Schrecken verloren – ganz einfach deshalb, weil er an vielen Schulen gar nicht mehr oder nur noch für einen Teil der Schüler stattfindet. Die Alternative heißt in den Grundschulen Lernentwicklungsgespräch, an Realschulen und Gymnasien „Informationen über das Notenbild“.

„Halbjahr ohne Zeugnis“ überschreibt der Bayerische Philologenverband seine Mitteilung zum heutigen Zeugnistag. 40 Prozent der Gymnasien, so eine Umfrage des Verbands, geben in den Jahrgangsstufen 5 bis 8 statt eines Zwischenzeugnisses „sogenannte Informationen über das Notenbild“, zumeist im Dezember und April/Mai. Das ist „eine Art Kontoauszug mit allen erworbenen Noten“, sagt Verbandschef Michael Schwägerl. Auch an den 9. und 10. Klassen sind solche Noten-Informationen möglich. Manche Schulen geben nur auf Antrag zusätzlich ein Zwischenzeugnis an Neunt- oder Zehntklässler heraus – etwa, weil sie in eine Ausbildung wechseln.

An den Grundschulen sind Zwischenzeugnisse mittlerweile eher die Ausnahme. Die bessere Alternative sind für viele Lehrer Lernentwicklungsgespräche. Das bedeutet: Der Lehrer setzt sich mit Schüler und einem Elternteil zum persönlichen Gespräch zusammen. Der Schüler bringt ein Blatt mit, auf dem er kindgerecht Smileys angekreuzt hat – eine Art Selbsteinschätzung seiner Leistungen. Dann werden im Gespräch Zielvereinbarungen getroffen. 90 Prozent aller Grundschulen nutzen dieses Instrument, heißt es im Kultusministerium.

Lernentwicklungsgespräche können nur für ganze Jahrgangsstufen, nicht für einzelne Klassen eingeführt werden, wie Brigitte Gruber erläutert. Sie ist Rektorin der Sigoho-Marchwort-Grundschule in Höhenkirchen-Siegertsbrunn und Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) im Landkreis München. An ihrer Schule gibt es die Gespräche in allen ersten bis dritten Klassen. In den 4. Klassen werden ohnehin nur Anfang Mai die Übertrittszeugnisse verteilt.

Sie halte die Gespräche für „deutlich besser“ als die Zeugnisse, sagt die BLLV-Kreischefin. „Man ist einfach näher am Kind.“ Der Schüler wiederum wisse, was er besser machen solle: Schreibe ordentlicher, übe mehr Rechnen, melde Dich öfter im Unterricht – wer so etwas als Ziel vereinbart, weiß woran er ist. Das wirke stärker als etwa eine Note. Der BLLV fordert sogar, in der ersten und zweiten Klasse die Zwischenzeugnisse ganz abzuschaffen.

Obwohl die Grundschullehrer derzeit nach Entlastung rufen: Die Lernentwicklungsgespräche sind aufwändiger als die Zeugnisse, sagt Brigitte Gruber. „Es gibt Lehrerinnen, die kommen samstags rein“ – anders lassen sich die Termine mit manchen Eltern nicht arrangieren. Die BLLV-Vorsitzende fügt hinzu: „Vielleicht können Sie jetzt verstehen, warum wir wegen der vom Ministerium angeordneten Mehrarbeit so angefressen sind.“

Auch an den Realschulen sind „Informationen über das Notenbild“ in den Jahrgängen 5 bis 8 erlaubt. Wie verbreitet sie sind, darüber will der Verbandschef der Realschullehrer nicht spekulieren. Er selbst sei da konservativ, sagt Jürgen Böhm. „Ich stehe zum Zwischenzeugnis.“ Dass das Zeugnis im Februar ganz verschwindet, hält auch das Kultusministerium für unwahrscheinlich. Immerhin eine Million von insgesamt 1,6 Millionen Schülern erhalte es heute. An der Grundschule von Brigitte Gruber sind es indes nur noch zwei Schüler. DIRK WALTER

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