Starnberg – Es war ein Jugendtraum: Als Mädchen wollte Beatrix von Fassong unbedingt die Welt entdecken. „Damals ging es aber nicht“, sagt sie. Viele Jahre später, im Oktober 2017, war es doch noch so weit: Mit 68 Jahren zog von Fassong aus ihrer Wohnung in Starnberg aus, lagerte ihre Möbel ein, packte die Koffer und stieg in den Flieger nach Amerika. Sie machte sich auf nach South Boston in Virginia, um dort bei einer Familie als Granny Au-pair zu arbeiten. Seit zehn Jahren vermittelt die Organisation „Granny Aupair“ Frauen im Seniorenalter zu Familien aus aller Welt. Auch von Fassong hatte sich auf der Online-Plattform angemeldet. Ihr Mann war gestorben, sie war in Rente und hatte Zeit.
Zwar hatte die heute 70-Jährige auch in Deutschland eine Familie und vier Enkelkinder – aber das Fernweh war stärker. „Meine Familie hat schon gestaunt, als ich ins Ausland wollte“, erzählt sie. „Aber sie hat mich gewähren lassen und wir haben ja Kontakt gehalten.“
Nach ihrer Registrierung auf dem Portal bekam sie Anfragen von Familien aus China, Neuseeland, Schweden, England und vielen weiteren Ländern. Bei den McCulloughs aus den USA war sofort Sympathie da – und einige Video-Chats später machte sich von Fassong auf den Weg zu ihr. Noch nie zuvor war sie außerhalb von Europa gewesen und ihre Englischkenntnisse aus der Schule waren auch schon eingerostet. Dafür hatte sie ganz viel Neugier und Abenteuerlust im Gepäck. „Ich war ganz gespannt, wie die Luft in Amerika riecht“, erinnert sie sich. „Dabei war es genau gleich wie hier.“
Vom Flughafen holte sie Gastvater Hugh Mc Cullough, genannt Hc, ab. Wenn von Fassong an die Begrüßung denkt, muss sie schmunzeln. „Wenn’d miad bist, kannst di eini legen.“ Mit einer Mischung aus gebrochenem Deutsch und österreichischem Dialekt bot ihr der Vater an, sich auszuruhen. Die Gastmutter Eva–Marie McCullough ist Österreicherin und hatte ihrem Mann ein wenig von der Sprache beigebracht.
Von Fassongs Einsatz war von Anfang an gefragt. Denn Eva-Marie war hochschwanger und erwartete ihr drittes Kind. „Nach 14 Tagen kam Maggy auf die Welt“, erzählt die Starnbergerin. „Sie ist quasi mit mir aufgewachsen.“ Das Baby wickeln und füttern, mit dem vierjährigen Finley und der zweijährigen Charlotte spielen, die beiden in den Kindergarten und zum Judo, Fußball oder Ballett bringen, den Haushalt organisieren – der Alltag war anstrengend. Zumal Finley und Charlotte anfangs ablehnend auf die fremde Frau aus Deutschland reagiert hatten. „Charlotte war bockig und Finley eifersüchtig“, erinnert sich von Fassong.
Doch im Laufe der Zeit wuchsen Vertrauen und Zuneigung. Von Fassong lebte sich in Amerika ein, fand Freunde, verbesserte ihre Sprachkenntnisse und entdeckte das Land. „Natürlich gab es auch mal Durchhänger und unterschiedliche Ansichten“, sagt sie. „Aber wir konnten immer alles klären.“
Im Sommer 2018 kehrte sie nach Deutschland zurück. Eigentlich wäre ihre Au-pair-Zeit damit beendet gewesen. „Aber die Familie hat mich gebeten, wiederzukommen.“ Also machte sie sich nach sechs Wochen erneut auf den Weg nach South Boston, um vier weitere Monate bei der Familie zu bleiben.
Seit Dezember 2018 ist Beatrix von Fassong wieder in Starnberg. Sie zog zunächst bei einer Freundin ein und sucht jetzt eine eigene Wohnung. „Ich möchte wieder sesshaft werden“, sagt sie. Mittlerweile hat die 70-Jährige fünf Enkelkinder, um die sie sich gerne kümmert. Auch auf die Kinder einer anderen Familie passt sie regelmäßig auf. „Ich mag Kinder“, sagt sie.
Pläne, noch einmal als Au-pair ins Ausland zu gehen, hat sie aber nicht. „Im Moment denke ich nicht daran“, sagt sie. „Auch, wenn es eine sehr tolle Erfahrung war.“ Mit den McCulloughs hält sie Kontakt. Die Familie hat sie sogar schon in Starnberg besucht: „Das Wiedersehen war sehr innig und voller Jubel.“