Der Baum, das rätselhafte Wesen! Warum spielt er sich bloß wie die Obst tragenden als Mann auf, wo er doch, mit Ausnahme des Ahorns, von der Aralie angefangen über die Linde, Eiche, Esche, Fichte, Pappel, Tanne, Ulme und Weide bis zur Zeder selbst für Baumschüler leicht erkennbar ein Weiberl ist? Ein Femininum, das – typisch Frau – jeden Herbst das Kostüm wechselt, das grüne Kleid gegen ein buntes austauscht. Und die männlichen Apfel-, Birnen-, Kirschen- und Zwetschgenbäume lassen sich offenbar überreden und machen mit, haben sich im Frühjahr sogar noch extra mit Blütenkränzen aufgeputzt. Sind sie etwa Transvestiten? Die Mehrzahl der Nadelbäume macht da freilich nicht mit, trägt den grünen Förstermantel weiter über Herbst und Winter. Ist bei denen wiederum das „der“ (von Baum) stärker als das spezielle „die“ (von Tanne oder Fichte) verwurzelt?
Und dann: Warum werfen die Laubbäume schon kurz nach dem attraktiven Kostümwechsel ihr neues Blätterkleid wieder ab, stehen gerade dann nackt in der Gegend herum, wenn sie eines Kälteschutzes dringend bedürften: Sind ihnen warme Wurzelfüße etwa lieber als frostgeschützte Äste und Zweige, oder ist das gefallene Laub als Zusatznahrung für das kommende Jahr eingeplant, zudem für Igel und Genossen ein Unterschlupf zum Überwintern? Warum aber wird es dann von Straßenkehrern und Kleingärtnern erbarmungslos zusammengekehrt und ins Kompost-Asyl gesperrt? Der Fachmann wüsste es wohl, wir Laien haben allerdings vom Innenleben von Herrn oder Frau Baum wenig Ahnung.
Selbst die alte Volksweisheit bezüglich Gewitter „Von den Eichen sollst du weichen, doch die Buchen sollst du suchen“ wird von Donner-und- Blitz-Experten als blanker Unsinn abgetan. Also legen wir uns halt dann im Ernstfall in einen Straßengraben, ziehen die Jacke über den Kopf und lassen es im nächsten Gehölz einschlagen!
Dankbarkeit ist jedenfalls angebracht, selbst jetzt, wo das Laub auf stillen Wegen dahinwelkt. Endlich können wir uns mit raschelnden Schuhen so richtig gehen hören. In der Rückschau Dank auch den Schatten spendenden Birken auf der Liegewiese am kleinen See, an die alte Buche am Wegrand mit dem Feldkreuz darunter, die uns Rast und Ruhe schenkte, an den Waldgürtel, der uns beim Abstieg vom Felsengipfel wieder in sichere Obhut nahm, an die Kastanien, die im Biergarten ihr grünes Dach über uns breiteten, an die Fichte, die uns an einem sonnigen Wintertag mit einer herabwehenden Fahne aus Pulverschnee an der Langlaufloipe begrüßte. Dank auch den unbekannten Zwetschgenbäumen, die uns im Spätsommer und Herbst Quadratmeter köstlichen Datschis bescherten, nebst dem Apfelbäumchen im Obstanger, dem wir im Vorbeigehen drei Falläpfel gezwickt haben. Zwar leicht angeschlagen, schmecken sie dennoch frisch und kernig wie unverfälschtes Bayern.
An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber