Die Schmuckstücke des Reiterkriegers

von Redaktion

Archäologen haben im schwäbischen Nordendorf ein reich ausgestattetes Grab eines frühmittelalterlichen Reiterkriegers entdeckt. Die mindestens 1300 Jahre alten Grab-Beigaben zeugen vom Vormarsch des Christentums. Die örtliche Heimatpflegerin kämpft nun für ein Museum.

VON DOMINIK GÖTTLER

München/Nordendorf – Als im vergangenen Sommer die Bagger an dem kleinen Baugebiet im schwäbischen Nordendorf unweit der B 2 anrollten, waren die Archäologen des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege alarmiert. Denn schon seit gut 150 Jahren ist klar, dass rund um die kleine Gemeinde zwischen Augsburg und Donauwörth zahlreiche Spuren aus dem frühen Mittelalter im Boden schlummern. Damals stießen Arbeiter beim Bau der Bahnlinie nach Donauwörth auf mehr als 400 Gräber aus der Zeit der Alamannen. Damals wurde die berühmte Nordendorfer Fibel entdeckt, eine germanische Gewandspange. Nun stießen Archäologen unweit dieser Fundstelle auf weitere äußerst seltene Dokumente der frühmittelalterlichen Geschichte.

Im vergangenen Sommer legten die Forscher ein historisches Reitergrab frei, das mit kostbaren Beigaben ausgestattet wurde und Hinweise auf eine bislang unbekannte römische Siedlung liefert. „Das ist ein herausragender Fund, der identitätsstiftend für die Gemeinde und für ganz Bayern ist“, sagt Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) bei der Vorstellung eines Teils des Grabinhalts gestern in München. „Aus einer Zeit, in der die schriftlichen Quellen kaum sprechen, tun es die archäologischen umso mehr.“

Gefunden haben die Archäologen die sterblichen Überreste eines erwachsenen Mannes, der wohl zwischen 20 und 40 Jahre alt und etwa 1,80 Meter groß war. Bis auf leichte Abnutzungsspuren am Rücken – vielleicht ein Bandscheibenvorfall – seien bei dem Mann keine Auffälligkeiten festgestellt worden, erklärt Ruth Sandner vom Landesamt für Denkmalpflege. Das Besondere an dem Fund sind die Grab-Beigaben, die in diesem Fall im Gegensatz zu vielen frühmittelalterlichen Grabstätten nicht im Lauf der Jahrhunderte wieder ausgegraben wurden. Der Leichnam wurde als Reiter ausstaffiert. Am linken Bein fanden die Archäologen eine Spore, dazu Lanze und Schild sowie Pferdezaumzeug. Auch das Reitpferd des Kriegers wurde mit beigesetzt – allerdings ohne Kopf, was für diese Zeit aber nicht untypisch ist, wie Sandner erklärt. Gestern präsentierten die Forscher zwei weitere Grab-Beigaben, die in dieser Form in Bayern äußerst selten sind: Ein koptisches Bronze-Geschirr mit Kanne und Griffschale, das damals wohl zum Händewaschen vor einem Festmahl genutzt wurde. Es stammt den Wissenschaftlern zufolge aus dem mediterranen Raum südlich der Alpen, möglicherweise aus Ägypten, und zeigt, wie entlang der Römerstraße „Via Claudia Augusta“ von der italienischen Po-Ebene bis zur Donau Handel getrieben wurde. Zudem enthielt das Grab drei Goldblattkreuze, die Generalkonservator Mathias Pfeil als klaren Beleg für die fortschreitende Christianisierung im frühen Mittelalter deutet. Diese wertvollen Grab-Beigaben lassen darauf schließen, dass es sich bei dem Bestatteten um einen Mann mit hoher gesellschaftlicher Stellung handelte, möglicherweise um einen alamannischen Stammesfürsten. Doch nicht nur die Beigaben liefern neue historische Erkenntnisse. Denn ein zweites freigelegtes, bereits geplündertes Grab in unmittelbarer Nähe wurde mit dem Bauschutt römischer Gebäude gefüllt. Die Archäologen vermuten deshalb eine bislang unbekannte römische Siedlung in der Nähe. „Das wirft ein neues Licht auf Nordendorf“, sagt Ruth Sandner. Hier sei aber noch weitere Forschungsarbeit nötig.

Was mit den historischen Grab-Beigaben nun weiter passiert, ist noch unklar. Das Landesamt ist für die Konservierung zuständig, doch ob die Stücke restauriert und ausgestellt werden, ist noch nicht geklärt. Das würde sich nicht nur der Nordendorfer Bürgermeister Elmar Schöniger (SPD) wünschen, sondern auch die örtliche Kreisheimatpflegerin Gisela Mahnkopf. Deshalb richtete sie bei der Vorstellung des Grabinhalts gestern in München einen Appell an Wissenschaftsminister Sibler: „Mir blutet das Herz, dass wir in der Region immer noch kein Archäologiemuseum für diese Funde haben.“ Eine moderne Präsentation sei überfällig. Ein Versprechen wollte der Minister zwar nicht geben, er kündigte aber Gespräche mit dem Augsburger Landrat an.

Artikel 11 von 11