München – „Das Schneefernerhaus ist mein Fieberthermometer für die Alpen“, erklärte Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) am Mittwoch. Auf der Zugspitze wird dort auf 2650 Metern Höhe Umweltforschung betrieben. Seit 15 Jahren bestimmen die Forscher dabei auch die Schadstoffbelastung in den Alpen. Weitere Messungen im Rahmen des länderübergreifenden Projekts „PureAlps“ finden in Österreich am Sonnblick Observatorium am Hohen Sonnblick in den Hohen Tauern auf 3106 Metern Höhe statt.
Im Alpinen Museum München stellten Vertreter des Bayerischen Landesamts für Umwelt und des Umweltbundesamts Österreich jetzt die Ergebnisse vor. Tatsächlich konnten die Wissenschaftler in Hochlagen und entlegenen alpinen Gebieten schwer abbaubare Stoffe nachweisen. Eine Überraschung war das nicht: „Wir hatten schon erwartet, dass auch die Alpen nicht unbelastet sind“, sagte Korbinian Freier vom Bayerischen Landesamt für Umwelt. Die Belastung sei aber überwiegend gering und entspreche der Belastung in anderen Bergregionen der Erde.
Erfasst werden bei dem Projekt mehr als 100 Schadstoffe, die sich nicht nennenswert abbauen, hormonelle oder giftige Wirkungen haben und sich in Nahrungsketten anreichern können. Durch die Verwendung von Chemikalien wie zum Beispiel Insektiziden, Hochschutzmitteln oder Flammschutzmitteln verbreiten sie sich weltweit über die Luft. „Die Alpen sind ein globales Frühwarnsystem für Schadstoffe“, erklärte Thorsten Glauber. „So können wir frühzeitig erkennen, für welche Stoffe Handlungsbedarf besteht.“
In der Luft sei die Schadstoffkonzentration in den Alpen zwar geringer, sagte Korbinian Freier. Durch Kondensationseffekte schlagen sich die Schadstoffe in kälteren Regionen wie den Bergen aber besonders nieder. Außerdem gibt es durch den Stau von Luftmassen viel Niederschlag – und damit werden Schadstoffe aus der Luft ausgewaschen. Die Einträge von Schadstoffen sind deshalb größer. Das zeigen unter anderem Boden-, Fichtennadel- und Niederschlagsuntersuchungen.
Die gute Nachricht: Bei 35 Prozent der untersuchten Stoffe ging in den letzten Jahren die Luftkonzentration signifikant zurück, nur bei vier Prozent stieg sie an. „Das zeigt, dass gesetzliche Regularien wirken“, sagte Korbinian Freier. Ein Beispiel dafür ist das Insektenvernichtungsmittel Endosulfan: Nach dem Verbot in der Europäischen Union und in der Stockholm-Konvention sank die Belastung um 96 Prozent.
Keine signifikante Abnahme gab es dagegen bei der Ausbreitung von polychlorierten Biphenylen (PCB). Sie sind zum Beispiel als Weichmacher und Flammschutzmittel in Fugendichtungsmassen älterer Gebäude erhalten. Obwohl sie seit den 1970er-Jahren nicht mehr produziert werden, schwanken die Messergebnisse. Auch bei Dioxinen – hochgiftige Stoffe, die unter anderem beim Verbrennen von chlorhaltigen Materialien wie PVC entstehen – stellten die Forscher nur schwache Abnahmetrends fest. Dabei sank in den Ballungszentren seit den 90er Jahren die Dioxinkonzentration durch den Einbau von Abgasfiltern um rund 80 Prozent.
Die Messungen werden weiter fortgesetzt, auch neue Chemikalien werden untersucht. „Es gibt immer noch Stoffe, die die Regulationsverfahren unterlaufen“, berichtete Freier. Künftig wird auch die Wirkung von Schadstoffen auf wildlebende Insekten untersucht. (mit dpa)