München – Mittags wird es voll im Gemeinschaftsraum der Demenz-WG „Maria“ in Weilheim. Denn, wenn Köchin Maria in der offenen Küche das Mittagessen zubereitet, dürfen alle mithelfen. Und das machen die Bewohner gern. Einige schnippeln, andere schälen, ein paar decken schon mal den Tisch und andere schauen einfach gerne zu. Dann wird zusammen gegessen – wie in einer großen WG eben.
Und das ist eine Wohnform, die sich in Bayern immer mehr Pflegebedürftige und Senioren vorstellen können. Aktuell leben rund 3000 Menschen in Bayern in 403 ambulant betreuten Wohngemeinschaften. „Jede dritte davon ist in den vergangenen zehn Jahren entstanden“, betont Claudia Wöhler, die Landesgeschäftsführerin der Krankenkasse Barmer, die gestern den Barmer-Pflegereport vorstellte. Es gibt mehrere Gründe, warum diese neuen Wohnformen immer gefragter sind: Sie sind für die Bewohner finanziell attraktiv, weil die Kassen mehr Leistungen finanzieren als für die Bewohner von Heimen. „Und für viele ältere Menschen bedeutet es einfach Lebensqualität, in ähnlichen Wohnformen wie bisher leben zu können“, sagt Wöhler.
Doch die Alternativen zum Pflegeheim haben auch einen Haken, wie sie betont: Oft sei die Versorgung für die Bewohner dort schlechter – weil es keine klaren Qualitätsvorgaben, Baubestimmungen oder Personalquoten gebe. Und vor allem: nur eingeschränkte Kontrollmöglichkeiten. „Zum Schutz der Bewohner sollte mehr Transparenz über die Qualität hergestellt werden“, fordert die Barmer-Geschäftsführerin.Da müsse der Gesetzgeber dringend nachbessern. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass Heime regelmäßig nach festen Kriterien geprüft werden und Senioren-WGs nicht.“
Mit dieser Meinung ist Wöhler nicht allein. Auch Johanna Sell, die Leiterin des Bereichs Pflege des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung in Bayern, berichtete, dass der MDK zunehmend mit Beschwerden von Angehörigen oder Pflegepersonen konfrontiert werde, die sich über eine schlechte Versorgung in den Wohngemeinschaften beklagen. Vorgeschriebene Qualitätsprüfungen gibt es in den Einrichtungen nicht. „Wenn uns Beschwerden gemeldet werden, können wir zwar prüfen“, erklärt sie. „Allerdings nur im Bezug auf die Versorgung dieses Bewohners.“ Gebe es keine konkrete Beschwerde, fallen Versorgungsmängel eher zufällig auf, erklärt sie. Zum Beispiel bei Pflegebegutachtungen.
Dass die Pflege in neuen Wohnformen oft schlechter ist, belegt der Barmer-Report. Heimbewohner sehen häufiger ihren Hausarzt, liegen sich seltener wund und werden weniger häufig wegen Krankheiten in Kliniken eingeliefert, die auch ambulant behandelt werden könnten. Dennoch betont Sell: Senioren-WGs und betreute Wohneinheiten seien nicht per se schlechter. „In vielen WGs läuft alles großartig. Sie bieten den Bewohnern die Chance, selbstständig zu bleiben, in einem häuslichen Umfeld zu leben.“ Die Maxime sei „Ambulant vor Stationär“, betont sie. Deshalb geben die Krankenkassen auch mehr Geld für die ambulante Pflege aus. „Das ist gerechtfertigt, solange die Pflege Qualität hat“, betont Sell und fordert: „Neben Qualitätsvorgaben brauchen wir unbedingt eine Rechtsgrundlage für Qualitätsprüfungen.“
Auch für die Angehörigen von Pflegebedürftigen sei das enorm wichtig. „Wir bekommen viele Anfragen von Familienmitgliedern, die wissen wollen, welche WGs gute Pflege bieten“, berichtet sie. Diese Anfragen seien gestiegen, seit Ende vergangenen Jahres schwere Vorwürfe gegen einen Pflegedienst im Raum Augsburg bekannt wurden (wir hatten berichtet). Der MDK könne den Angehörigen bei dieser Frage bisher kaum helfen, sagt Sell. „Wir können nur raten: Schauen Sie genau hin und erkundigen Sie sich bei anderen Angehörigen, bevor Sie sich für eine WG entscheiden.“