Er ist der Ur-Bayer schlechthin: Gerhard Polt. Und natürlich ein Bairisch-Kenner. Es gibt wohl wenige so aufmerksame Sprachbeobachter wie den 77-Jährigen vom Schliersee. Und Polt ist immer neugierig: Bei seinem Besuch in unserer Redaktion ließ er sich alles genau erklären und zeigen – bis hin zum Mini-Zen-Garten am Empfang. Sogar aufs Dach unseres Pressehauses stieg er uns, um einen Blick auf die Berge zu genießen. Ein Gespräch über Dialekt, bayerischen Charme und die Heimat.
Herr Polt, was macht denn unsere bairische Sprache aus, was macht sie so besonders?
Ich bin jetzt kein Forscher, aber da gibt es eine Menge. Ich glaube erst mal, dass sie harmonisch ist, einen angenehmen Klang in sich trägt. Sonor. Da ist nix Hohes, Quickendes dabei.
So wie bei den Norddeutschen oftmals?
Ja, genau, Wenn du beim Bäcker stehst und es verabschiedet sich einer mit einem lauten „Tschüüüüs“ – dann geht dieses lang gezogene Ü uns doch durch Mark und Bein. Das haben wir Bayern nicht gern. Wir verschlucken da lieber viel, damit die Sprache sympathisch bleibt. Oder umgehen das Harte gleich: Ich sag immer lieber Minga als München.
Und so fühlen wir uns durch den Ton gleich daheim?
Ich sehe es so. Seien wir ehrlich: Wir Bayern hören ja unsere Sprache selber gern. Das hat natürlich zum einen mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu tun, aber auch damit, dass wir dann in einer Art Chor sitzen – und jeder wartet auf seinen Einsatz.
Jeder gibt gern seinen sprachlichen Senf dazu…
Ja, am Stammtisch zum Beispiel. Da hat jeder Bayer seine eigene Stimme, aber innerhalb einer Harmonie sozusagen. Und das ist ihm wichtig. Da kommt ja auch das Wort Person her. Per sonare – also durch einen durch. Wir sind alle Klangkörper.
Wo aber dennoch das Individuelle eine große Rolle spielt.
Ganz klar. Das ist ja auch so was Wunderbares am Bairischen. Dieses Erfinderische, dieser verbale Wettkampf, der oft stattfindet.
Heißt genau?
Na ja, du kannst im Bairischen jemanden böse beleidigen und dennoch eine gewisse Höflichkeit an den Tag legen. Mit Breznsoizer zum Beispiel. Da bezeichnest du jemanden als Volldeppen, es klingt aber dennoch nett. Oder Doudschmatzer.
Eine wunderbare Betitelung für jemanden, der wahnnsinnig lästig ist und alle nervt…
Hundling ist auch so ein Wort, das ich mag. Da steckt sogar Respekt für die Person drin, obwohl der Bezeichnete vielleicht einiges Illegales auf dem Kerbholz hat. Hund ist dann übrigens die Steigerung. Man kann sogar vulgär beleidigen – ohne ordinär zu werden. Brunzkache fällt mir da ein. Also die Bezeichnung für eine alte, ungepflegte Frau – mal freundlich übersetzt.
Haben Sie das Wort erfunden?
Nein, nein. Diese Beschimpfung habe ich damals als Kind auf der Straße aufgeschnappt – in unserer Bande. Und verinnerlicht.
Sie waren in einer Bande?
Jeder war das zu meiner Zeit. Es war kurz nach dem Krieg. Da gab’s zwischen uns Buben richtige brutale Kämpfe. Da hat der eine dem anderen mit der Steinschleuder schon mal ein Auge rausgeschossen. Im Vergleich sind die Kinder von heute brav – die schauen stumm in ihr Handy.
Das war damals also eine Elite-Schule für Beleidigungen…
Ja, das war’s. Da ist viel hängen geblieben bei mir. Ich sehe mich ja eh als Chronist, als Beobachter. Ich kann und will ja nur das erzählen, was ich auch kenne. Von damals ist es das Wort Brunzkache und vieles mehr. Aber da war nicht alles nur vulgär. Die bairische Sprache ist eigentlich meist sehr charmant. Letztens im Zug ist mir das wieder aufgefallen.
Was ist denn da passiert?
Na ja, du kannst den Mitfahrer im Abteil dir gegenüber direkt fragen: ‚Wo fahren Sie denn hin?‘ Da gibt es aber eine nicht zu unterschätzende Wahrscheinlichkeit, dass er entgegnet, dies ginge dich einen Scheiß an. Der Bayer ist da weitaus subtiler. Er fragt: ‚Und? Fahr ma furt?‘ Ein paar Minuten später weiß er, wohin die Reise des Fremden geht. Das Befehlende, der Imperativ ist nix für den Bayern. Er will kommunizieren, palavern. Das mag ich.
Ja, er fragt lieber immer…
Genau. Du gehst nicht in die Metzgerei und sagst: ‚Ein Pfund Hirnwurst‘, sondern du bittest darum: ‚Habt ihr vielleicht noch ein Pfund Hirnwurst für mich?‘ Dann kommt als Antwort ein Freilich. Das Gegenüber kann reagieren. Wunderbar ist das. Daher mag ich auch diesen bairischen Konjunktiv, den wir oft benutzen: ‚Dürfte ich noch ein Bier haben‘ – so sagen wir. Oder: ‚Habt’s ihr noch eine Semmel für mich‘. Da sind wir wieder bei diesem Bild vom Musik-Chor. Bei diesem harmonischen Zusammenspiel.
Im Bairisch ist Musik drin…
Richtig – eine Interaktion. Ein gewisser Rhythmus, den du als Kind schon spürst und spielst. Ohne unsere Dialekte gäbe es auch unsere wunderbare Volksmusik nicht. Da steckt der Takt unserer Sprache drin. Auch das Gemütliche. Die Italiener haben das auch. Die haben ja auch eine sehr musikalische Sprache –ihre Volksmusik ist dadurch natürlich theatralischer, schneller als unsere. Und ich finde beispielsweise, dass du auch bei Mozart immer seinen österreichischen Schmäh raushörst – und die Wildheit.
Wobei der Bayer im Gegensatz lieber weniger redet als zu viel.
Nicht alle, aber viele. Charme und Gemütlichkeit schließen sich ja nicht aus. Wir mögen es nicht, wenn jemand monologisiert, dauernd redet – ohne Punkt und Komma. Üblich ist es, dass einer eher 20 Minuten lang schweigend am Tisch sitzt, nur aufmerksam zuhört – um dann plötzlich mit einem Satz, mit einer Beschreibung verbal perfekt zuzuschlagen.
Hmmm, interessant, dass Sie das jetzt sagen.
Warum?
Weil wir mit dem Dieter Hildebrandt mal vor rund 15 Jahren ein Interview geführt haben – und ihn fragten, welchen Kollegen er mit auf eine einsame Insel nehmen würde.
Und?
Er antwortete: ‚Gerhard Polt. Weil ich dann die ganze Zeit quatschen könnte, er würde nur aufmerksam zuhören – und dann auf einmal einen genialen Satz rausschießen.’ Er mochte Ihre Art, dieses Urbairische.
Ich habe den Dieter sehr geschätzt. Er war wunderbar. Ich wusste nicht, dass er das mal gesagt hat. Das freut mich.
In Ihren Filmen haben Sie auch immer großen Wert auf den Dialekt gelegt – das Bairische unverfälscht wiederzugeben.
Ja, da geht es halt um dieses Gefühl, das Lokale detailliert zu beschreiben. Das hat mit Authentizität zu tun. Mit mir. Ich muss mich ja mit der Örtlichkeit auskennen. Ich versteh zum Beispiel nicht, dass mittlerweile so viele deutsche Krimis in Venedig oder in Skandinavien spielen. Das ist unecht, finde ich.
Apropos Ort und Auskennen: Sie wollten ja als Kind eigentlich Bootsverleiher am Schliersee werden, haben Sie mal erzählt.
Richtig, weil das auch was mit dieser Gemütlichkeit zu tun hat, die uns auch sprachlich auszeichnet. Da sitzt du rum, liest Zeitung, wartest auf Kunden – und wenn wirklich einer kommt, sagst du nett aber bestimmt, dass du erst in einer Stunde aufmachst. Eine herrliche Vorstellung.
Werden Sie noch mal einen Film drehen? Zum Beispiel über einen Bootsverleiher am schönen Schliersee.
Nein, ich fühl mich auf der Bühne wohl. Da steht eben sehr die Sprache im Vordergrund. Das Theater – das ist meine Welt. Einen Film oder etwas fürs Fernsehen mache ich sicher nicht mehr. Das ist aus und vorbei.
Das ist sehr schade.
Das sehe ich jetzt ganz anders.
Sollen wir Mittagspause machen?
Gerne. Gehen wir was essen. Mich hungert.
Und was soll es sein?
Weißwürst wären doch wunderbar. Passt zum Thema und zum Tag.
Das Gespräch führte Armin Geier