Der reimende Prediger

von Redaktion

In dieser Kirchengemeinde geht’s närrisch zu: Pfarrer Michael Stein organisiert in Feldafing am Sonntag einen Faschingsgottesdienst. Das Besondere: Von der Predigt bis zum Vaterunser wird alles in Reimen vorgetragen – Lachen ist ausdrücklich erwünscht.

VON CLAUDIA SCHURI

Feldafing – Eine rote Clown-Nase wird Pfarrer Michael Stein tragen, wenn er am Sonntagvormittag in der Johanniskirche Feldafing (Kreis Starnberg) den Gottesdienst eröffnet. Denn dieser Gottesdienst ist ein Faschingsgottesdienst – und wird komplett gereimt: „Von der Begrüßung bis zum Segen und der Einladung zum Krapfen-Essen“, verspricht Stein.

Schon seit 2009 organisiert der 53-jährige Seelsorger in der evangelischen Kirchengemeinde Feldafing-Pöcking an Fasching einen solchen Gottesdienst. Weil er zu besonderen Anlässen gerne kleine Sketche verfasst, hatte er bereits Schreiberfahrung. „Wir sind in der Gemeinde sehr aufgeschlossen für Neues“, sagt Stein. „Es tut der Kirche gut, wenn die klassische Liturgie einmal aufgelockert wird.“ Also griff er die Idee der gereimten Gottesdienste, die es auch in einigen anderen Gemeinden gibt, auf.

Denn: Kirche und Fasching passen gut zusammen, findet er. „Büttenreden haben ja auch etwas Predigthaftes“. Und: Auch Humor und Kirche harmonieren seiner Meinung nach gut. Bei dem Gottesdienst ist Lachen sogar erwünscht: „Es wird gehört, es wird gelacht, gesungen und auch mitgemacht“, dichtete Michael Stein für die Einladung. „Es ist schön, wenn es den Menschen Spaß macht“, sagt er. Dafür macht er sich jedes Jahr viel Arbeit: „An manchen Formulierungen sitzt man stundenlang “, erzählt er. „Und manche Texte lassen sich schnell runterschreiben.“

Michael Stein ändert alles ab: Sogar das Glaubensbekenntnis, die Abendmahlliturgie und das Vaterunser werden in Reimen vorgetragen. Eine kleine Kostprobe: „Vater du, der höhern Welt, dein Name mehr als alles zählt. Lass dein Reich nun bald entstehen, und deinen Willen stets geschehen – bei uns und in den Himmelshöhen.“ Die Gläubigen bekommen Textzettel, um die Gebete mitsprechen zu können. Den Evangeliumstext über einen Blinden, der von Jesus geheilt wird, schreibt der Pfarrer ebenfalls um. Trotz aller Fröhlichkeit ist in dem Gottesdienst aber auch Platz für ernste Gedanken – natürlich in Reimen. Ganz fertig ist das Skript für Sonntag noch nicht: Weil er in seiner Predigt aktuelle Themen aufgreifen möchte, muss Pfarrer Stein noch ein bisschen dichten. Er hat sich außerdem überlegt, mit den Gottesdienstbesuchern in den Dialog zu treten. Aber da gibt es ein Problem: „Sie müssten dann ja auch in Reimen sprechen“, erklärt er. „Und das ist so spontan natürlich sehr schwierig. Aber vielleicht fällt mir ja noch etwas ein.“

Kreativ ist Michael Stein auf jeden Fall. Das gilt auch, wenn er privat auf Faschingsveranstaltungen geht. Heuer hat er das zeitlich zwar noch nicht geschafft. In den vergangenen Jahren aber verkleidete er sich zum Beispiel als Cowboy, Indianer, Ritter und Mönch – auch das darf man als Pfarrer. „Sich zu verkleiden gehört einfach zu einem Faschingsball dazu“, findet er. Beim Faschingsgottesdienst am Sonntag ist er nicht kostümiert. Auch die Clown-Nase wird er wahrscheinlich irgendwann ablegen. Denn Pfarrer Michael Stein ist Brillenträger. Und unter der roten Nase wird es mit der Zeit sehr warm. „Dann schlägt die Brille an und ich sehe nichts mehr“, verrät er und lacht.

Der gereimte Gottesdienst

findet am Faschingssonntag um 10.15 Uhr in der Johanniskirche in Feldafing statt.

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