Die Bauernhochzeit von Poing

von Redaktion

Am Faschingssonntag wird in Poing der Bund der Ehe geschmiedet. Das Paar könnte schräger nicht sein: Hilarius Maischbauer, Sohn eines Hopfenbauers, heiratet die Brauereitochter Euprasine Bierlinger. Es handelt sich um eine Bauernhochzeit, die nicht ernst gemeint ist, aber narrisch viele Regeln hat.

VON ARMIN RÖSL

Mei, dieser Bub, wie der mit seinen langen Haaren daher- kommt! Nein, so ganz zufrieden war Alexander Bitschs Oma nie mit der Haarpracht ihres Enkels. Jetzt aber, ha!, jetzt aber habe sie ihm gesagt, dass es doch gut sei, dass er so lange Haare hat, erzählt der 24-Jährige. Weil er die erste Braut in der Geschichte der Poinger Bauernhochzeit ist, die keine Perücke trägt, sondern echtes langes Haar. Da darf die Oma jetzt schon ein bisserl stolz sein auf den Alex.

Ein junger Mann als Braut? Bauernhochzeit? Was ist da los? Ein großes Spektakel ist los, ein Brauchtum, das in dieser Form ganz selten in Bayern anzutreffen ist – und das auch nur alle fünf Jahre: Die Poinger Bauernhochzeit gilt als eine der größten Veranstaltungen dieser Art in der Region.

Schon wieder Rätselraten: Brauchtum? In Poing? Jene Wachstumsgemeinde mit derzeit 16 700 Einwohnern 18 Kilometer östlich von München, im Landkreis Ebersberg, keine Berge, als Schlafstadt verspottet, mit Neubaugebieten und vielen Zuagroastn? Ja, genau dort. Und das schon seit 1935, als Poing noch ein kleines Dorf mit nicht mal 1000 Einwohnern war. Von denen ein paar eine große Gaudi auf die Beine gestellt haben: die Poinger Bauernhochzeit.

Keine windige Faschingsbettelhochzeit, die es bis heute in verschiedenen Orten gibt, nein, eine Hochzeit im gehobenen Stand. So schaut’s aus: protzig, pompös, Poing! Mit Augenzwinkern und viel Selbstironie, freilich. Und mit klaren Regeln, Nummer 1: keine Frauen. Alle weiblichen Rollen werden mit Männern besetzt. Nummer 2: Die Braut muss wesentlich größer sein als der Bräutigam. Nummer 3: Die Rollen der jeweiligen Hochzeitsgesellschaften werden von Honoratioren aus Poing und dem Umland besetzt. Hilft nix, selbst der Bürgermeister muss ins Kostüm. Nummer 4: Sämtliche Hochzeitsrituale, von der Brautwerbung über die Ladung bis zur Trauung selbst, werden im historischen Gewand aufgeführt. Nummer 5: Die Geschichte rund um die Hochzeit wird jedes Mal neu erfunden, geschrieben und einstudiert.

Dieses Mal ist der Poinger Raffael Scherer fürs Drehbuch verantwortlich, perfekte Besetzung, weil er nicht nur Drehbuchautor und Regisseur ist, sondern auch – dazu später mehr. Regel Nummer 6: Mit dem Aschermittwoch endet die Ehe automatisch. Regel Nummer 7: Eine Pfundsgaudi soll’s werden.

Noch mal langsam zum Mitschreiben: Die Bettelhochzeit ist ein alter bayerischer Faschingsbrauch, früher von Dienstboten und einfachen Leuten gefeiert, die sich keinen Besuch auf einem der zahlreichen Faschingsbälle leisten konnten. Bei der Bettelhochzeit findet die Trauungszeremonie (Braut und Bräutigam ebenfalls von Männern gespielt) auf einem Misthaufen statt.

In der speziellen Poinger Ausprägung wird diese Hochzeit aber im gehobenen Bürgertum durchgeführt. Quasi bei den „Geldigen“. Entsprechend pompös fallen die Feierlichkeiten aus, die sich über zwei Wochen hinziehen. In Poing war an den beiden vergangenen Wochenenden der „Schmuser“ unterwegs, seit vielen Jahren gespielt vom Heimatpfleger Peter Dreyer. Er ist mit dem Traktor zu den Familien von Braut und Bräutigam gefahren und hat sie zur Hochzeit eingeladen. Mit Musik und viel Dampf und Gstanzl-Gesang ging’s von Haus zu Haus zur jeweiligen buckligen Verwandtschaft. Ein Schnaps hier und ein Schnaps dort inklusive.

Kommen wir zu den Hauptpersonen der Poinger Bauernhochzeit 2020, wir stellen vor: Hilarius Maischbauer, Sohn vom Hopfenbauer Pankraz Maischbauer aus Auham, und Euprasine Bierlinger, Brauereitochter vom Bonbaur aus Reichbichl. „Es is’ scho a große Ehre, wenn man g’fragt wird“, sagt – da ist er wieder – Raffael Scherer. Der 25-jährige Poinger spielt den Bräutigam und ist irgendwann im vergangenen Jahr von Alois Moser gefragt worden, ob er sich vorstellen könne, die Rolle… klar! „Er hat sofort Ja gesagt“, freut sich Moser, Vorsitzender des Vereins d’Bauernhochzeiter. Für eine Braut werde er schon sorgen, habe Scherer damals gesagt, erzählt Alois Moser. Raffael Scherer hat Wort gehalten. „Mia ham scho vui Schmarrn miteinander g’macht, kennen uns seit der Firmung“, sagt Raffael Scherer über seinen Spezl Alex Bitsch.

Der 24-jährige Schreiner musste nicht lange überlegen, auch nicht, dass er in die Rolle der Braut schlüpft – bei diesen Haaren. „Des ist bislang der Höhepunkt von allem, was wir bislang miteinander gemacht und erlebt haben“, erzählen die beiden. Und das war einiges, zum Beispiel ist einer anlässlich des Geburtstages des anderen mal nackt aus einer Torte gesprungen. Wer’s war, darüber hüllen wir den Mantel des Schweigens, schließlich soll die Braut ja unbescholten vor den Traualtar treten.

Dass es auch in diesem Jahr überhaupt so weit kommt, ist einzig und allein Alois Moser zu verdanken. Der 80-Jährige hat 1973 die Poinger Bauernhochzeit wieder aufleben lassen, nachdem 1970 „nix zam gegangen is’“, wie er erzählt.

1935 fand die erste Poinger Bauernhochzeit statt, der Zweite Weltkrieg ließ eine Wiederholung, die alle zehn Jahre geplant war, nicht zu, es folgten 1950 und 1960, dann jenes vermaledeite 1970. Dann kam Alois Moser. Als Postbeamter in Poing kannte er eine Menge Leute, 1973 hatte er schließlich, mit Unterstützung des TSV Poing, genug Männer für zwei Hochzeitsgesellschaften beisammen. Und so lebt der Brauch, dank und zusammen mit Moser bis heute.

Sowieso übernimmt der 80-Jährige auch dieses Mal wieder eine Rolle: als Luis Blindinger, der Onkel der Braut. 75 Mitglieder zählt der Verein Poinger Bauernhochzeiter, noch viele mehr helfen vor und hinter den Kulissen mit. Darunter viele junge Leute, was Alois Moser besonders freut. „Das ist schön, dass dieses Brauchtum erhalten wird“, sagt er.

Dabei stand es vor drei Jahren noch Spitz auf Knopf, weil der Verein keinen neuen Vorstand fand. Moser sagte letztendlich noch einmal „Ja“. Insgesamt 27 Poinger spielen dieses Mal mit, am Unsinnigen Donnerstag war Polterabend im örtlichen Pfarrheim, die Trauung erfolgt an diesem Faschingssonntag um 14.14 Uhr auf dem Hof des Schulzentrums. Gefeiert wird bis in die Nacht, mit dabei ist der Hochzeitslader s’Erdäpfekraut aus Niederbayern, die Musikkapelle Poing spielt auf.

Schon um 13.13 Uhr startet der Hochzeitsumzug durch den Ort, mit Ochsengespann, Kutschen und Vereinen. Das ganz große Besteck, wie es sich für eine Bauernhochzeit geziemt. Protzig, pompös und eine Pfundsgaudi.

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