Die Mitgliedschaft von Otto Beisheim in der Waffen-SS verursachte 2005 einen riesigen Wirbel, als der Metro-Milliardär über eine Stiftung das Tegernseer Gymnasium mit hohen sechsstelligen Beträgen bedenken wollte – im Gegenzug aber zur Bedingung machte, dass die Schule nach ihm benannt werde. Dazu ist es nicht gekommen – denn ein Waffen-SS-Mitglied als Namensgeber einer Schule, das geht schlecht. Die Schule ist bis heute namenlos.
Beisheim, der 2013 am Tegernsee starb, hat sich selbst nie öffentlich zu seiner NS-Vergangenheit geäußert. Er schwieg sich einfach aus, leugnete sogar gegenüber Behörden seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Der Historiker Joachim Scholtyseck von der Universität Bonn, der nun eine frühe Biografie Beisheims vorgelegt hat, wartet dazu mit einem pikanten Detail auf: Selbst bei seiner Einbürgerung in die Schweiz 1988 schreib Beisheim in seinem Lebenslauf immer nur allgemein von „Arbeitsdienst“ und „Heeresdienst“ – von der Waffen-SS „war hier allerdings nicht die Rede“, wie der Autor feststellt.
Beisheim, der in Mülheim/Ruhr aufwuchs, meldete sich am 1. Oktober 1942 mit 18 in seiner Heimatstadt als Mitglied der Hitlerjugend bei der Waffen-SS und erhielt die Dienstmarke Nummer 976 3./A.E.R. – 524. Dies geschah wohl im Rahmen einer allgemeinen Musterung, bei der ältere Jahrgänge der HJ automatisch auf ihre Tauglichkeit für die Waffen-SS überprüft wurden.
Zwangscharakter hatte dies jedoch nicht, betont Scholtyseck. Man hätte sich der Überstellung zur Waffen-SS auch entziehen können. Nachdem sich aber Otto Beisheims älterer Bruder Hans schon 1941 zur Waffen-SS gemeldet hatte, kam dem Jüngeren eine Verweigerung offenbar gar nicht in den Sinn. In München erhielt er 1942 eine Ausbildung zum Funker, wurde dann zur „Leibstandarte Adolf Hitler“ versetzt, die trotz ihres prominenten Namens eine kämpfende Truppe war, und an die Ostfront geschickt.
Bei der sogenannten Panzerschlacht von Prochorovka erlitt Beisheim am 12. Juli 1943 eine leichte, am 14. Dezember 1943 bei Kämpfen in Südrussland eine schwere Verwundung. Nach seiner Genesung gelang es ihm – durch Protektion, wie der Historiker vermutet – in einer Stabsstelle, also einem Bürojob, bei Berlin das Kriegsende abzuwarten. Nach englischer Kriegsgefangenschaft begann sein neues Leben.
Scholtyseck hat alles versucht, aber seine Erkenntnisse zu Beisheims Kriegszeit sind notgedrungen lückenhaft. Beisheim betrachtete seine Vergangenheit als Privatsache, ihm fehlte da gewiss auch das Verständnis für die bohrenden Fragen der jüngeren Generation.
Der Autor widmet nicht weniger als 40 Seiten einer, wie er es nennt, kurzen Geschichte der Waffen-SS, in der Beisheim überhaupt nicht vorkommt. Dieser Teil hätte wesentlich kürzer ausfallen können. Trotzdem sehen wir jetzt etwas klarer im Fall Beisheim, denn der Autor hat mit einer Art Ausschlussverfahren untersucht, wo Beisheim überall nicht dabei war: Es ist keine Beteiligung an Kriegsverbrechen an der Ostfront nachweisbar, Beisheim war in keinem KZ, hatte keine tätowierte SS-Nummer, er war nach 1945 auch nicht in rechtsradikalen Kreisen aktiv, wohl auch nicht als heimlicher Gönner.
Wohl aber ortet der Autor bei Beisheim eine gewisse NS-Romantik, denn er besuchte 1952 mit seiner Frau den Obersalzberg, 1954 in Nürnberg das ehemalige Reichsparteitagsgelände – beide Male fotografierte Beisheim eifrig fürs Familienalbum. Seine Kriegsorden trug er immer mit Stolz – und er flunkerte dabei sogar, wie Scholtyseck herausgefunden hat. Denn auf seiner Montur der Gebirgsschützen prangten auch das Eiserne Kreuz Erster Klasse und ein Infanterie-Sturmabzeichen, das er ausweislich der militärischen Unterlagen nie erhalten hat. So was konnte man im Militariahandel ja auch kaufen. Doch tiefer verstrickt, gar in Alt- oder Neonazi-Kreise, war er nicht, an heimlichen Treffen von Waffen-SS-Mitgliedern, früher üblich, zeigte sich Beisheim desinteressiert.
Stattdessen konzentrierte er sich auf seinen Beruf im Einzelhandel. 1964 bei einer USA-Reise entdeckte er die „Cash-Carry-Märkte“ mit modernen Regalsystemen, Selbstbedienung und Großparkplatz – und importierte diesen Vorläufer des modernen Supermarktes nach Deutschland. Der rasante Aufstieg zum Metro-Milliardär begann. Bis ihn dann drei Jahrzehnte später die Vergangenheit einholte. DIRK WALTER*
* Unser Redakteur Dirk Walter leitete 2005 in Tegernsee eine (im Buch erwähnte) legendäre Podiumsdiskussion zum Thema, die am Ende mit gegenseitigen Beschimpfungen der Teilnehmer fast völlig eskalierte.
Das Buch
Joachim Scholtyseck: „Otto Beisheim. Jugend, Soldatenzeit und Entwicklung zum Handelspionier“, F. Schöningh Verlag, 29,90 Euro.