Karlsfeld – Benni Grieser kämpft einen Kampf, den er nicht gewinnen kann. Sein Gegner ist unsichtbar, unberechenbar und unbesiegbar. Ein aggressiver Krebs. Manchmal nennt Grieser ihn „den Drecksack“. Er weiß, dass er diesen Krebs nicht mehr loswird. Er hofft, dass es ihm gelingt, noch lange mit ihm zu leben. Denn er ist erst 26. Seine Kraft und seine Gesundheit hat ihm die Krankheit geraubt – aber nicht seine Träume und Ziele.
Benni Griesers Kampf begann vor drei Jahren. In seinem Heimatort Weichs (Kreis Dachau) organisierte die Feuerwehr eine Typisierungsaktion, weil ein Kamerad an Blutkrebs erkrankt war. Für Grieser ist es keine Frage teilzunehmen. Eine Woche später kommt der Anruf. Er komme als Spender infrage und müsse zu Untersuchungen ins Krankenhaus. Dort sitzt Grieser einem Arzt gegenüber. Der Ultraschall habe auf seiner Niere einen Schatten gezeigt. „Das sollten Sie unbedingt anschauen lassen.“ Benni Grieser macht einen CT-Termin aus. Für den 23. Mai 2017 – das weiß er noch. Doch an den Tag hat er kaum noch Erinnerungen. „Es war wie ein Blackout“, sagt er heute, als er in der Wohnung seiner Mutter Lydia in Karlsfeld sitzt und seine Geschichte erzählt. Die Ärzte sagen ihm, dass sie an der Nebenniere einen 17 Zentimeter großen Tumor entdeckt haben. Benni Grieser geht danach in die Arbeit, er ist Maurer. Er spricht mit niemandem. „Ich war wie ferngesteuert“, sagt er. Die Diagnose war ein Schock – was auf ihn zukommt, ahnte er damals aber noch nicht.
Er versucht, positiv zu denken. Einen Monat später wird er das erste Mal operiert. Die Ärzte entfernen nicht nur die Nebenniere, sondern auch Teile der Niere, des Zwerchfells, des Darms, der Leber, der Lunge und der Lymphknoten – überall Metastasen. Das erfahren er, seine Familie und seine Freundin Ramona erst danach. Tagelang liegt er auf der Intensivstation, muss beatmet werden.
Die Krebsart ist aggressiv – und noch unerforscht, weil sie selten ist. Etliche Spezialisten sind mit Benni Griesers Fall befasst. 2017 sagten ihm die Ärzte, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. Ein Jahr, wenn es gut läuft zwei. Seitdem sind drei Jahre vergangen. Grieser kann seinen Gegner nicht besiegen. Aber er bietet ihm die Stirn. „Aufgeben ist nicht so mein Ding“, sagt er.
Natürlich gibt es auch Tage, an denen es ihm schwerfällt, optimistisch zu bleiben. An denen er sich wie ein alter Mann fühlt. Früher war er sportlich, hat Häuser gebaut. Jetzt gibt es Tage, an denen ihm schon ein paar Schritte schwerfallen. Er hat fünf Chemotherapien hinter sich. Keine hat etwas bewirkt. Noch immer sind etliche Metastasen im Körper, ein paar zehn Zentimeter groß. Manchmal gelingt es den Ärzten, einige zu bekämpfen. Und dann dauert es nicht lange, bis an einem anderen Organ neue auftauchen. Die Chemos haben seinen Körper zerstört. Viele große Narben sind von den vielen OPs geblieben. Für die Chemotherapie wurde ein Port gelegt, sodass ein dünner Katheter direkt zum Tumor gelegt werden kann. Dafür wurden Nerven zertrennt, sie schmerzen. Grieser ist als schwerbehindert eingestuft. Er kann nicht mehr arbeiten, musste seine Hobbys aufgeben. Und auch Freunde hat er verloren, erzählt er. „Einige Kontakte sind abgebrochen, viele wussten wohl auch einfach nicht, wie sie sich verhalten sollen.“ Es gibt in seinem Leben noch einen kleinen Kreis Menschen. „Aber ich weiß: Auf die kann ich immer zählen.“
Das ist nicht nur seine Familie, sondern vor allem seine Freundin Ramona. „Ich habe die stärkste Frau an meiner Seite“, sagt er. Ohne sie hätte er wohl schon oft aufgegeben, glaubt er. Im Sommer hat er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ramona hat Ja gesagt. Die beiden wollen jeden Tag nutzen, den sie gemeinsam haben. Sie haben Träume. Bescheidene Träume. Eine gemeinsame Wohnung, ein Wochenendurlaub. „Ich würde so gerne einmal einen Vulkan sehen“, sagt Grieser. Zum Beispiel in Sizilien. Aber das ist undenkbar. Denn er ist durch die Krankheit erwerbsunfähig, er bekommt eine Rente von 1200 Euro. „Das reicht gerade zum Leben“, sagt er. Seine Freundin studiert noch. „All unsere Ersparnisse sind aufgebraucht.“ Denn sie versuchen das Erdgeschoss im Haus seines Vaters umzubauen, um dort einziehen zu können. „Eine bezahlbare Wohnung haben wir nicht gefunden.“ Alles, was Grieser selbst machen konnte, hat er getan. Jetzt steht er vor Aufgaben, für die ihm die Kraft fehlt. Handwerker kann er sich nicht leisten. „Ich will um nichts betteln“, betont er. Aber er ist dankbar für Hilfe. Neulich, zu seinem Geburtstag, hat er auf Facebook eine Spendenaktion für die Krebsforschung gestartet. Es kamen mehr als 1000 Euro zusammen. „Danach habe ich das erste Mal überlegt, ob ich für mich nicht auch einmal um Hilfe bitten könnte.“
Das ist aber nicht der einzige Grund, warum er seine Geschichte öffentlich erzählt. „Als ich noch gesund war, war das für mich selbstverständlich“, sagt er nachdenklich. Er sei viel zu wenig dankbar gewesen dafür. Das möchte er allen sagen, die es nicht mit einem unbesiegbaren Gegner zu tun haben: Genießt euer Leben, regt euch nicht über Kleinigkeiten auf.
Oft hat er sich gefragt, was passiert wäre, wenn er nicht zur Typisierungsaktion gegangen wäre. „Vermutlich wäre ich auf der Baustelle irgendwann tot umgefallen“, sagt er. Benni Grieser ist dankbar, dass er eine Chance bekommen hat zu kämpfen.
Kontaktmöglichkeit
für alle, die Benni Grieser mit einer Spende oder Hilfe beim Umbau unterstützen möchten: per E-Mail unter benjamingrieser@freenet. de. oder über die Redaktion unter 089/5306467.