Aschermittwoch ist der Beginn der Fastenzeit – und damit der Zeit des Verzichts. Ein perfekter Zeitpunkt also, die Selbstoptimierung zu perfektionieren? Nicht ganz. Thomas Schlichting, Leiter des Ressorts Seelsorge und kirchliches Leben im erzbischöflichen Ordinariat München und Freising, spricht im Interview über den eigentlichen Ursprung des Fastens, warum Gelassenheit darin eine große Rolle spielt – und dass auch der Wunsch nach Selbstoptimierung zur Sucht werden kann.
Herr Schlichting, Sie haben jahrzehntelange Erfahrung mit der Fastenzeit, mit den guten Vorsätzen und dem Verzicht. Ist es ein menschliches Bedürfnis, dass man sich immer wieder „verbessern“ will?
Ja, ich denke, das ist sehr wohl ein inneres Bedürfnis des Menschen. Doch in der Moderne, mit den vielen Herausforderungen, die ein Mensch in seinem Berufsleben und im familiären Kontext erlebt, hat es eine ganz andere Gewichtung bekommen. Das ursprüngliche Fasten in der christlichen Tradition stand nicht unter der Überschrift „Selbstoptimierung“. Sondern es gehörte einfach zum Rhythmus des Kirchenjahrs dazu, sich auf die hohen Feste vorzubereiten. Man lebte auf etwas hin – und in dieser Zeit nahm man sich zurück.
Mittlerweile aber gibt es auch Ideen, das Fasten auszuweiten, etwa auf weniger Fernsehen, weniger Internet, gesund essen, viel Sport treiben… Finden Sie das gut?
Nun, ich würde nicht sagen, dass so etwas gegen den christlichen Gedanken steht. Der Ursprung ist da ja durchaus noch zu erkennen. In einer Zeit, in der es so viele Reize gibt, die uns täglich umgeben, tut es uns doch zum Beispiel einfach mal gut, zu sagen, ich versuche, nicht abhängig zu sein von meinem Smartphone. Das ist durchaus sinnvoll, wenn sich Menschen so etwas vornehmen.
Doch wenn jemand tagtäglich damit beschäftigt ist, eine „perfektere“ Version von sich selbst zu erschaffen, könnte dann nicht noch ein Verzicht obendrauf schädlich sein?
Ja, man kann natürlich alles übertreiben; man kann also auch das Fasten oder das Selbstoptimieren übertreiben. Wenn jemand zu viel Selbstoptimierung praktiziert, sodass er in Abhängigkeiten kommt, kann das natürlich gefährlich werden. Damit wäre auch das Ziel verfehlt: Nämlich durch das Fasten wieder ein Stück mehr von sich selbst zu gewinnen. Freier zu sein. Wenn ich mich von der einen Unfreiheit zu der anderen Unfreiheit begebe, ist das natürlich kein Gewinn.
Heißt das, wenn jemand ständig auf seine Schritte- oder Kalorienzähler-App schaut, dann könnte für denjenigen die Fastenzeit auch bedeuten, nicht mehr so viel zu kontrollieren?
Ja, natürlich. Überhaupt ist es auch in der Fastenzeit wichtig, Gelassenheit zu üben. Es gibt das schöne Sprichwort: „Man muss auch einmal auf ein Opfer verzichten können“. Fasten heißt nicht rigoros sein! Fasten heißt zwar Verzicht, aber es ist keine strenge Form der Selbst-Kasteiung oder -Optimierung.
Wenn sich nun jemand gute Vorsätze zur Fastenzeit nimmt, was wären dann Ihre Durchhalte-Tipps?
Erstens Gelassenheit – das ist sicherlich ein wirklich wesentliches Element. Zweitens: Sich besser weniger vorzunehmen und das dann relativ konsequent durchzuziehen, als etwas Massives vorzunehmen und das dann nicht zu schaffen. Und drittens: Es muss einfach passen. Das heißt, es macht nicht viel Sinn, wenn man sich Lasten aufbürdet, sondern ich brauche einen Vorsatz, der zu meiner Persönlichkeit und zu meinem Leben passt.
Und wenn man dann doch mal „sündigt“, was dann?
Dann kann man sich einfach sagen: Ich versuche es jetzt trotzdem weiter.
Interview: Nina Praun