Konstanz/Bad Wörishofen – „Das eigentliche Bonbon ist unsere Wohnung“, sagt Helga Freifrau von Soden. Auf 130 Quadratmetern wohnen sie und ihr Mann Heiko im Herzen von Konstanz am Bodensee in der Seniorenresidenz Tertianum – mit allen Annehmlichkeiten einer gehobenen Unterkunft: inklusive Reinigung, Pflegefachkräften, einem Concierge und auf Wunsch auch Ärzten, Friseuren und Fußpflegern. Das denkmalgeschützte Gebäude liegt im Zentrum, nur wenige Hundert Meter vom Hafen entfernt. In der Anlage gibt es ein Schwimmbad, einen Konzertsaal, eine Bibliothek, Yogastunden und Live-Konzerte. Essen können die Bewohner im eigenen Restaurant oder in dem von Sternekoch Tim Raue.
Immer häufiger zieht es Menschen im Alter an Sehnsuchtsorte, wie Wissenschaftler der Hochschule Kempten herausgefunden haben. Neben landschaftlichen Reizen sind es meist Orte, die Ruhe, Erholung und eine gute Gesundheitsversorgung versprechen. Das Phänomen lasse sich vor allem an touristischen Hotspots rund um den Bodensee und im Allgäu beobachten. „So sind gerade Kurorte oder bestimmte Ferienregionen zunehmend von einem Zuzug älterer Bürger betroffen“, schreibt Markus Jüster von der Hochschule Kempten in einem Artikel über Altersmigration. Oft habe man die Orte schon als Tourist oder Kurgast kennengelernt und wolle im Alter dauerhaft dorthin ziehen. „Wir gehen davon aus, dass die gesamte Bodenseeregion in den kommenden Jahren und Jahrzehnten von einem vermehrten Zuzug aus den benachbarten Ballungsräumen betroffen sein wird“, so Jüster. Wenn Ortsfremde eine Gemeinde als letzten Lebensabschnitt wählen und ihren Alterswohnsitz dorthin verlagern, kann das Auswirkungen auf die Region haben. Paradebeispiel ist Bad Wörishofen im Allgäu. Der Kurort wird oft als „Altenheim Münchens“ bezeichnet. Dort kommen auf 100 Arbeitnehmer rund 70 Rentner. Es handle sich aber nicht nur um wohlhabende Senioren, sagt Jüster – sondern auch um Menschen, die sich Mieten und Lebenshaltungskosten in Metropolen wie München nicht leisten können.
Der Senioren-Zuzug bringt sowohl Vorteile als auch Herausforderungen. In Bad Wörishofen sind die Lebensqualität und Zufriedenheit laut Jüster beispielsweise „exorbitant hoch“. Die Infrastruktur sei sehr gut ausgebaut, vor allem in Bezug auf Ärzte und Einzelhandel. Gute Berufsperspektiven gebe es für Friseure und Physiotherapeuten. Zugleich konkurrierten bei der Immobiliensuche betuchte Senioren von auswärts mit einheimischen Familien. Von Altersmigration betroffene Regionen stünden daher vor der Aufgabe, ein Gleichgewicht der Generationen und bezahlbaren Wohnraum zu gewährleisten.
Für das Ehepaar von Soden war es ein Vorteil, dass sie sich früh zum Umzug nach Konstanz entschlossen haben, sagt Heiko von Soden. So könnten die beiden 78-Jährigen an den kulturellen und sozialen Angeboten teilnehmen und selbst bestimmen, wie viel Umgang mit anderen Bewohnern sie wollten. „Ich finde es schön, dass man hier nicht isoliert ist.“