Ufologen und Finanzjongleure

von Redaktion

GESCHICHTE Am Samstag zeigen Archive bayernweit ihre Schätze – auch Kurioses ist dabei

VON SABINE HERMSDORF-HISS

München – Solange es die Menschheit gibt, so lange gibt es auch Verbrechen. Im Staatsarchiv München lagern weit über 40 Kilometer an historischen Fallakten aus dem Regierungsbezirk Oberbayern. Kurioses, Mysteriöses, Unglaubliches.

Zum bundesweiten „Tag der Archive“ am morgigen Samstag zeigen allein in München 17 Archive ihre Schätze (siehe Kasten). Die Einrichtung an der Münchner Schönfeldstraße ist traditionell mit dabei.

Diesmal gewährt sie unter dem Motto „Lug und Trug“ Einblicke in ausgesuchte Kriminalakten. So wurde zum Beispiel 1961 ein schier unglaublicher Fall vor dem Landgericht Traunstein verhandelt: Das Verfahren richtete sich gegen einen gewissen Franz Weber-Richter, seines Zeichens „Michalek, Präsident in spe der Oberhoheitlichen Regierung der Weltrepublik Erde“. Ernannt hatte ihn dazu kein Geringerer als Urun, Herrscher des Planeten Venus. Gemeinsam mit einem Freund verkündete Weber-Richter zuerst in Chile, später im deutschsprachigen Raum, dass eine Armada fliegender Untertassen von der Venus aus Berlin-Tempelhof ansteuert, um von hier aus eine Weltherrschaft zu errichten.

Ufo-Spuk in der Nachkriegszeit also. Weber-Richter behauptete allen Ernstes, mit den Außerirdischen 18 Monate auf ihrem Planeten gelebt zu haben. Und: Er, geboren 1917, sei ein unehelicher Sohn Adolf Hitlers. Dieser hätte übrigens den Zweiten Weltkrieg überlebt und würde sich jetzt in einer Wüste in der Nähe des Suez-Kanals aufhalten. Am Tag X, im Jahre 1958, konnten aber nicht einmal diejenigen, die ganz besonders genau Ausschau hielten, auch nur eine einzige fliegende Untertasse erspähen. Trotzdem vergaben die beiden selbst ernannten „Venusier“ schon einmal großzügig Ämter und Titel – gegen Bares, versteht sich. Schließlich musste ja – offiziell – Geld für die Landung der neuen Macht gesammelt werden.

Schon öfters erzählt wurde der Skandal um Adele Spitzeder (41) aus dem Jahr 1873, den das Staatsarchiv für den Tag der Archive ebenfalls aufbereitet hat. Eigentlich wollte Spitzeder als Schauspielerin ihren Lebensunterhalt verdienen, aber, so urteilte der Direktor des Karlsruher Hoftheaters nach einer Probe: „Fräulein Spitzeder erwies sich viel untauglicher, als ich geglaubt hatte, wild und sinn- und maßlos durcheinander.“ Also war es nichts mit der großen Karriere. Aber da man ja von etwas leben muss, verlegte sich die Münchnerin auf das Bankgeschäft. Sie versprach Anlegern zehn Prozent Zinsen. Diese Geschäftspraktiken brachte sogar die Sparkassen ins Wanken, da immer mehr Kunden abwanderten. Was die meist ärmlichen Sparer aber nicht wussten: Spitzeder legte das Geld nicht gewinnbringend an, sondern lebte davon in Saus und Braus. Einer der größten Finanzskandale jener Zeit nahm seinen Lauf.

Das Ende des Ufologen Weber-Richter ist übrigens unbekannt: Er verschwand spurlos, daher wurde das Verfahren wegen unbekannten Aufenthalts eingestellt. Spötter unken, er sei auf die Venus zurückgekehrt. Adele Spitzeder wurde mehrmals verhaftet und saß unter anderem eine Zuchthausstrafe von drei Jahren ab.

Hinweis

Aus diesen und zwei weitere Fällen liest der Schauspieler Winfried Frey ab 14.45 Uhr. Zuvor, um 14 Uhr, ist ein kleiner Ausschnitt aus Carl Orffs „Astutuli“, aufgeführt durch das Münchener Marionettentheater, zu sehen. Zusätzlich gibt es zu jeder vollen Stunde thematische Führungen durch das Magazin, sowie ganztägig einen Bücherflohmarkt. Das Staatsarchiv hat von 12 Uhr bis 19 Uhr geöffnet.

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