Erst vor Kurzem hat das Virus Sars-CoV-2 den Sprung vom Tier zum Menschen geschafft – und das höchst erfolgreich: Der Erreger verbreitet sich rasant. Doch liegt das womöglich daran, dass sich das Erbgut des Virus inzwischen verändert hat – und damit auch seine Eigenschaften?
Chinesische Forscher wollen kürzlich Hinweise darauf gefunden haben: Sie hatten Virusproben aus der Region Wuhan in China genetisch analysiert und ihre Ergebnisse im Anschluss mit genetischen Analysen von Virusproben aus anderen Ländern verglichen. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass es zwei Virus-Linien geben könnte: eine aggressivere und eine weitere, die zu einem leichteren Krankheitsverlauf führt.
„Es gibt die Hypothese, dass es inzwischen zwei Virusvarianten mit Unterschieden bezüglich der Schwere des Verlaufs und der Infektiosität gibt“, bestätigt auch Privatdozent Dr. Christoph Spinner, Oberarzt für Infektiologie am Klinikum rechts der Isar in München. Allerdings lasse sich „zum jetzigen Zeitpunkt aus den vorliegenden Daten noch nicht definitiv ableiten, wie die Unterschiede genau sind“. Sicher ist nur – und das gilt nicht nur für die Sars-CoV-2: – „Viren mutieren häufig.“
Hierzu muss man wissen: Befällt ein Virus eine menschliche Zelle, programmiert sie diese um – und zwingt sie so, Bausteine für viele neue Viren herzustellen. Dazu gehört auch das virale Erbgut: Es muss vielfach kopiert werden. Dabei kann es auch mal zu genetischen Fehlern kommen. Die Wahrscheinlichkeit für solche genetischen „Mutationen“ wächst mit der Menge der Viruskopien – sie steigt also mit der Zahl der Infizierten. „Es gibt in der Tat die Frage, ob sich das Virus im Rahmen der weiteren Verbreitung verändert hat“, sagt Spinner. „Hierzu laufen im Moment Untersuchungen.“
Kommt es zu genetischen Veränderungen, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sich Eigenschaften des Erregers verändern. Und: „Ob die beobachteten genetischen Unterschiede wirklich etwas mit Unterschieden der Krankheitsausprägung zu tun haben können, ist aus meiner Sicht sehr fraglich“, sagt Prof. Oliver T. Keppler, Leiter der Virologie am Max von Pettenkofer-Institut der LMU München. „In einigen Monaten wird man anfangen können, dies auf besserer Datengrundlage seriös zu untersuchen.“
Doch spricht der Blick nach Italien nicht dafür? Immerhin wurden von dort bereits viele Todesopfer gemeldet, während in Deutschland oft von einem milden Verlauf berichtet wird. Grassiert in Italien also eine aggressivere Virus-Linie? Für eine Antwort ist es den Experten zufolge viel zu früh. Die Zahlen der Infizierten und Verstorbenen seien in beiden Ländern zu niedrig, um zuverlässige Aussagen zur Sterblichkeit machen zu können, sagt Keppler. Gerade am Anfang einer Epidemie könne der Zufall das Ergebnis verzerren. Vieles bleibt also ungewiss.
Reine Spekulation ist auch die Behauptung eines US-Virologen: Trevor Bedford aus Seattle glaubt aus genetischen Analysen ableiten zu können, das Virus habe seinen weltweiten Siegeszug von München aus angetreten – eine These, die nicht nur Keppler und Spinner, sondern auch viele andere Forscher für höchst fragwürdig halten. ANDREA EPPNER