Diese Frage beschäftigt viele Experten: Kann der Frühling das Coronavirus womöglich ausbremsen? In der Tat könnte die wärmere Jahreszeit einen ganz entscheidenden Beitrag im Kampf gegen die neuartigen Viren leisten. Der Grund: „Atemwegserkrankungen, die durch Viren ausgelöst werden, zeigen fast immer eine stark saisonale Rhythmik“, erklärt Prof. Oliver T. Keppler, Leiter der Virologie am Max von Pettenkofer-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).
Dies könne man Jahr für Jahr für die Influenza, also die echte Grippe, aber auch für Infektionen der Atemwege durch Rhinoviren, Parainfluenzaviren, Metapneumoviren oder das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) sehen. „Mitte Januar steigen die Erkrankungsfälle steil an – und sinken spätestens Ende April wieder auf ein Hintergrundsniveau ab.“
Doch lässt sich diese Beobachtung auf den Erreger Sars-CoV-2 übertragen, der gerade den Freistaat und die ganze Welt in Atem hält? Eine sichere Antwort auf diese Frage gibt es noch nicht. Doch es gibt viele Hinweise, die darauf hindeuten. So folgten andere Vertreter aus der Familie der Coronaviren, zu der auch harmlose Schnupfenviren gehören, diesem Muster, wie Experte Keppler erklärt. Und: „Dies deckt sich auch mit der aktuellen Beobachtung, dass sich SARS-CoV-2 derzeit in der südlichen Hemisphäre nur sehr langsam auszubreiten scheint.“
Tatsächlich wurden von der Südhalbkugel der Erde bislang vergleichsweise wenige Infektionsfälle gemeldet. Dabei war die Sorge der Weltgesundheitsorganisation WHO groß, dass sich das neue Virus gerade in Ländern mit schlechter medizinischer Versorgung rasant ausbreiten könnte. Doch sofern das nicht an vielen unentdeckten Infektionen liegt, kam es dazu nicht – und das wiederum lässt hoffen. Auf den Frühling hierzulande.
Doch woran liegt es, dass so viele Viren in den kalten Wintermonaten besonders viele Opfer finden? Dafür gibt es wahrscheinlich gleich mehrere Gründe. „Wenn die Tage länger werden und die Temperatur steigt, sitzen Menschen nicht mehr so eng auf einer Fläche“, erklärt Privatdozent Dr. Christoph Spinner, Oberarzt für Infektiologie am Universitätsklinikum rechts der Isar in München. Kommen sich Menschen aber nicht mehr so nah, sinkt zwangsläufig auch das Risiko einer Ansteckung.
Experte Keppler verweist zudem auf die trockenen Schleimhäute, mit denen sich viele Menschen im Winter plagen. Das ist nicht nur lästig. Sondern: Die viralen Attacken sind dann häufiger erfolgreich; es kommt also leichter zu einer Infektion. Auch „schlecht gelüftete Räume“ spielten eine Rolle. Denn: Die Viren wiesen im Kühlen „eine höhere Umweltresistenz“ auf. Sie mögen es also lieber kalt als warm.
Daher könnte warmes Wetter den Erregern das Überleben deutlich schwerer machen. Dazu kommt noch die Wirkung der Sonnenstrahlen: „Es gibt mehr UV-Strahlung, die desinfizierend in der Umwelt wirkt“, erklärt Experte Spinner. Zudem müsse im Frühjahr weniger geheizt werden. Das wiederum verringere die Größe der Tröpfchen der Ausatemluft. „All diese Faktoren tragen zum Rückgang von atemwegsübertragbaren Erkrankungen bei.“ Prof. Keppler sagt: „Hoffen wir auf einen frühen Sommer!
ANDREA EPPNER