München/Regensburg – Das Relief ist verwittert, und den wenigsten Besuchern des Regensburger Doms wird es über dem Südwesteingang überhaupt auffallen. Trotzdem ist und bleibt die Darstellung der „Judensau“ an Kirchen oder anderen historischen Gebäuden ein Stein des Anstoßes, der jetzt dringend aufgearbeitet werden soll – und zwar nicht nur in Regensburg, sondern bayernweit.
Die Tiermetapher „Judensau“ bezeichnet ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijudaistischen christlichen Kunst. Es sollte Juden verhöhnen, ausgrenzen und demütigen, da das Schwein im Judentum als unrein gilt. Das Relief am Regensburger Dom, der dem Freistaat gehört, zeigt ein Schwein, an dessen Zitzen Menschenkinder saugen. Spottbilder mit dem Judensaumotiv sind seit dem frühen 13. Jahrhundert belegt und auf Steinreliefs und Skulpturen an etwa 30 Kirchen und anderen Gebäuden vor allem in Deutschland bis heute zu sehen. Über das antijüdische Relief an der Wittenberger Stadtkirche entscheidet nun sogar der Bundesgerichtshof, ob es abgenommen werden muss.
Gestern hat in Regensburg bei der dortigen Jüdischen Gemeinde ein Dialogprozess begonnen, an dem auch der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Ludwig Spaenle, teilnahm. In der oberpfälzischen Metropole gibt es seit Jahren heftige Kritik an der dort angebrachten Erklärungstafel, auf der es heißt: „Die Skulptur als steinernes Zeugnis einer vergangenen Epoche muss im Zusammenhang mit ihrer Zeit gesehen werden. Sie ist in ihrem antijüdischen Aussagegehalt für den heutigen Betrachter befremdlich…“ Zu schwach ist vielen Kritikern dieser Text. „Dieser Text geht gar nicht, das ist völlig unzureichend“, sagt Spaenle auf Nachfrage. Das seien Formulierungen aus der Nachkriegszeit. Der Antisemitismusbeauftragte sieht dringenden Handlungsbedarf im Zusammenhang mit judenfeindlichen Darstellungen. Er kündigt deshalb für 31. März einen Runden Tisch in München an, zu dem er Vertreter staatlicher Einrichtungen, christlicher Kirchen und des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden einladen will. „Wir können nicht zusehen, dass an einzelnen Orten diese mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Darstellungen, die Juden in übelster Weise verunglimpfen und massiv in ihrem Ansehen schädigen, gänzlich oder unzureichend kommentiert öffentlich sichtbar sind“, sagt Spaenle.
Neben dem Schmähbild am Regensburger Dom gibt es in Bayern auch Reliefs an Sankt Sebald in Nürnberg und am Tor der Burg Cadolzburg in Mittelfranken. „Allzu leicht können sie in wirren Köpfen Vorurteile verstärken und den Eindruck erwecken, dass unsere Gesellschaft mit der Vergangenheit unkritisch umgeht“, warnt Spaenle. Aber er merkt auch an, dass sich solche „Schmähbilder“ oft nicht einfach entfernen ließen, weil sie nicht selten Teile von denkmalgeschützten Bauten seien. Gar nichts hält er von der Idee, das Relief ins Museum der bayerischen Geschichte zu hängen. „Eintritt dafür zu bezahlen, um so ein Objekt der Schande zu begaffen“, sei völlig daneben. Der Stein gehöre in den baulichen Kontext und müsse sauber bewertet werden. Gedacht ist neben einer Infotafel an weitere Informationen über QR-Code und Schriften im Dom.
Gesucht wird nun eine bayernweite Aufschrift für Erklärungstafeln. „Wir meinen, es ist am besten, etwas Einheitliches zu finden“, so Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg. Die Gespräche gestern seien ein guter Auftakt gewesen.
Der Historiker Michael Wolffsohn, selbst Jude, etwa ist gegen die Entfernung des „Judensau“-Reliefs an der Wittenberger Stadtkirche. In einem Interview plädierte er im Juni 2019 dafür, sich der Vergangenheit zu stellen. Entfernen führe dazu, dass Menschen sich nicht mit einem Thema auseinandersetzten. „Das Einzige, was wir machen können, ist immer wieder positionieren durch interpretieren. Wegwischen ist im Grunde genommen Selbstbetrug.“