Die Virus-Delle am Flughafen

von Redaktion

Der Flughafen rutscht in die Corona-Krise. Die Flug-und noch stärker die Passagierzahlen gehen zurück. Der Flughafen-Chef fordert Erleichterungen für Airlines. Kurzarbeit droht.

VON DIRK WALTER

München – Der neue Flughafenchef Jost Lammers hatte sich seine ersten Wochen am Flughafen vielleicht auch anders vorgestellt. Er ist erst seit Anfang Januar im Amt, muss sich aber gleich mit einer veritablen Wirtschaftskrise auseinandersetzen, die den Flughafen stark trifft. Eine Alarmmeldung der Lufthansa – Platzhirsch am Münchner Airport – ließ Ende vergangener Woche aufhorchen. Nachdem die Kranich-Linie ohnehin schon alle Flüge von und nach China, Israel und Iran gestrichen hat, kündigte sie am Freitag eine generelle Kapazitätsreduzierung um bis zu 50 Prozent an.

Wenn die Lufthansa hustet, bekommt auch der Flughafen Schnupfen: Lammers selbst spricht von einer „Delle“. Der Flughafen-Sprecher erläutert das: „Wir erwarten, dass sich in den kommenden Wochen der deutliche Nachfrage-Rückgang auch in den Zahlen bemerkbar macht.“ Und: „So richtig treffen wird es uns im März.“ Dabei wird die Zahl der Fluggäste prozentual stärker zurückgehen als die Zahl der Flüge.

Schon jetzt liegen erste Zahlen vor. Während im Januar die Zahl der Passagiere im Vergleich zum Vorjahr noch um 2,5 Prozent angestiegen war, gab es im Februar einen Rückgang um 2,6 Prozent. Die Zahl der Flüge ging im Februar im Vergleich zu 2019 um 1,6 Prozent zurück. In der letzten Februarwoche waren es sogar 3,9 Prozent Rückgang. Zahlen für die erste Märzwoche soll es heute geben.

Das sorgt auch die Beschäftigten am Flughafen. Die Swissport Losch mit knapp 900 Mitarbeitern am Standort München fertigt für Lufthansa die Kurz- und Mittelstrecke ab und hat auch zahlreiche andere Kunden, etwa Tui Fly, Al Italia und Air Baltic. „Wir hängen im luftleeren Raum“, klagt Betriebsratschef Michael Batog von Verdi. Die Flugpläne änderten sich ständig, weil die Airlines oft umdisponierten. Die Arbeit sei schwer kalkulierbar. Schon jetzt gebe es geschätzt 15 Prozent Rückgang bei den Aufträgen. „Derzeit sieht es so aus, dass es auf Kurzarbeit hinausläuft.“

Noch versucht die Lufthansa, ihren Flugplan aufrechtzuerhalten. „Jedes Ziel ist erreichbar“, versichert eine Sprecherin, schränkt aber ein: Zum Teil muss sich der Passagier auf Umsteigen an einem Drehkreuz einstellen. Viele Flugzeuge starten halb leer.

Fluggesellschaften trommeln im Verein mit Flughäfen für ein Aussetzen der „80/20“-Regel, auch Großvater-Regel genannt. Sie besagt, dass Fluggesellschaften ihre Zeitfenster für Abflüge und Landungen nur dann behalten, wenn sie es zu mindestens 80 Prozent nutzen. Das führe zu Leerflügen, warnen Branchenkenner. „Hier muss die EU-Kommission jetzt gezielt handeln“, fordert die Lufthansa. Flughafen-Chef Jost Lammers kommt in den Verhandlungen mit dem Bundesverkehrsministerium und der letztentscheidenden EU-Generaldirektion Mobilität und Verkehr eine wichtige Rolle zu, denn er ist auch Präsident des Airport Council International Europe, dem Dachverband von Europas großen Flughäfen. „Angesichts des Nachfrageeinbruchs infolge des Coronavirus wäre eine auf wenige Monate befristete Aufhebung der sogenannten 80/20-Regelung im Augenblick sinnvoll“, sagte Lammers unserer Zeitung. Sonst würden die Fluglinien „einen großen Teil ihrer angestammten Slots“ verlieren. Diese würden sie aber „dringend brauchen, wenn die Nachfrage wieder anzieht“.

Tatsächlich kommt Bewegung in das Thema: „Der Coronavirus-Ausbruch hat große Auswirkungen auf die europäische und die internationale Luftfahrtindustrie“, sagte gestern Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Brüssel. Die Situation verschlechtere sich täglich. Deshalb wolle die EU-Behörde schnell ein neues Gesetz vorschlagen, über das Europaparlament und EU-Staaten verhandeln müssten. (mit dpa)

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