München – Händewaschen, in die Armbeuge niesen, Abstand zu Mitfahrern halten – zum Coronavirus hat der Münchner MVV Hygienetipps herausgegeben. „Bitte schützen Sie sich und andere Fahrgäste vor einer Infektion“, heißt es auf der Homepage. Was nicht erläutert wird, ist die Frage, wie denn die Busse und Bahnen im MVV-Gebiet gereinigt werden.
Das Landratsamt Fürstenfeldbruck hat bereits Anfang vergangener Woche den MVV aufgefordert, die Hygieneregeln zu aktualisieren. Der Nahverkehrsexperte der Berhörde, Hermann Seifert, hatte Bilder aus Südtirol gesehen, wo die Haltestangen in Zügen und Bussen nun mit Desinfektionsmitteln abgewischt werden. „Wir hätten gerne eine Empfehlung des MVV für alle Busunternehmen“, sagt Seifert. Er beruft sich auf den Verkehrs-Dachverband VDV, der schon 2009 einen Pandemie-Eventualplan mit Empfehlung zur Flächendesinfektion veröffentlichte. Damals ging es um den Schutz vor Grippe.
Tatsächlich hat der MVV reagiert, aber nicht so scharf, wie es Seifert vorschwebte. An die knapp 50 Busunternehmen im MVV-Gebiet gab der MVV eine Empfehlung heraus, neuralgische Flächen „regelmäßig“ zu reinigen – wobei „regelmäßig“ nicht definiert wird. Öfter als einmal täglich sei das jedenfalls nicht möglich, „sonst müssten wir Busse aus dem Verkehr rausnehmen“, sagt MVV-Sprecherin Franziska Hartmann. Auch der Einsatz viruzid wirksamer Desinfektionsmittel ist nicht vorgeschrieben. Der MVV-Betriebsarzt sei zu dem Schluss gekommen, „dass eine Desinfektion in Massenverkehrsmitteln nicht die Wirkung hat, die diesen Aufwand rechtfertigt“.
Ähnlich ist es bei der Münchner MVG mit ihren U-Bahnen, Bussen und Trambahnen: „Das Desinfizieren von Massenverkehrsmitteln, die unentwegt von Tausenden Menschen genutzt werden, ist nicht effektiv“, teilt Sprecher Matthias Korte mit.
Die S-Bahnen, so versichert eine Sprecherin, würden täglich durch Unterwegs-Reiniger gesäubert. „Sie entfernen grobe Verschmutzungen und wischen die Haltestangen und Trennscheiben.“ Allerdings werden nicht täglich alle Züge so gereinigt – nur eben die, in denen die Reiniger gerade unterwegs sind. Alle drei Tage werde jede S-Bahn im Werk Steinhausen intensiv geputzt, alle 30 Tage gebe es eine „umfassende Nassreinigung“.
Damit unterscheiden sich die Münchner Verkehrsunternehmen nicht von anderen Verkehrsbetrieben in Großstädten. Beim Hamburger HVV wird ebensowenig täglich desinfiziert wie bei den Berliner Verkehrsbetrieben, wo auch die Idee, Desinfektionsmitteln an Bahnhöfen zu verteilen, „geprüft“, aber „aus diversen Gründen verworfen“ worden sei, wie ein Sprecher im „Tagesspiegel“ zitiert wird.
Die großen Verkehrsbetriebe haben die Wissenschaft auf ihrer Seite. „Eine Desinfektion von Flächen im öffentlichen Raum ist grundsätzlich nicht sinnvoll“, erklärte das Bayerische Landesamt für Gesundheit gegenüber unserer Zeitung. Hauptübertragungsweg von SARS-CoV-2 sei die Tröpfcheninfektion über Mensch-zu-Mensch-Kontakt. Eine Übertragung durch kontaminierte Flächen sei „noch nicht nachgewiesen worden“.
Das hindert indes den Rhein-Neckar-Verkehr (RNV) in Mannheim nicht, seit Anfang März täglich seine 370 Busse und Bahnen zu desinfizieren. „Es ist machbar, es schadet nicht, es ist ein vertretbarer Aufwand“, sagt ein RNV-Sprecher. Allerdings wird nicht der ganze Fahrgastraum mit Desinfektionsmitteln eingenebelt, sondern nur Haltegriffe und Druckknöpfe abgewischt. Keine südkoreanischen Verhältnisse also auch in Mannheim – und erst recht nicht in München.