MASSGESCHNEIDERT

Volksoper vom Vogelnest

von Redaktion

Noch nie hat ein deutscher Schriftstellerkongress jenes großen, unbekannten Dichters gedacht, der das deutsche Liedgut mit dem unvergleichlichen „Vogelnest“ bereichert hat.

Das „Vogelnest“ ist ein sittlich einwandfreies Couplet, das einst von Wien bis München mit größter Begeisterung gesungen wurde und heute noch im Volk weithin bekannt ist. Weil nun bald wieder die Zeit des Vogelsangs und der Waldspaziergänge anhebt, die dieses Lied besingt, wollen wir es einer geneigten Leserschaft aufs Neue ins Gedächtnis rufen.

Das „Vogelnest“ kennt verschiedene Varianten, ein Vorzug, den zum Beispiel „Die Glocke“ von Schiller nicht hat. Lautete im Rest der Welt die erste Strophe: „Am Sonntag, i woaß’s no wia heit, / da hat mi’s Spazierngehn so gfreit, / und weils mir halt gar so gfallt, / drum bin i glei außi in Wald“, so sang man in München auch gern: „Am Sonntag, glei nachm Rasiern, / da geh i a bißl spaziern, / und weil mi’s Spazierngehn so gfreit, / drum geh i nach Holzapfelkreuth“ (das bekanntlich in der baumreichen Waldfriedhofgegend zu finden ist). Noch gar nicht lang ist unser Spaziergänger auf dem Wege, da hört er einen wunderschönen Gesang. Er stammt von einer Zeiserlfamilie, die mit fröhlichem Sinn ein Nest auf einem Baume bewohnt. Unser Waldläufer kraxelt flugs hinauf, wobei er sich den Hosenboden aufschlitzt („voll Löcher war hint mei Plafond“). Oben angekommen hört er auf einmal „was gehn“.

Doch das Knieschlottern unseres Freundes ist „umasunst und von am Schandarm gar koa Dunst. Es war nur a Er und a Sie, de hockn sie unter mi hi.“

Jetzt wird’s spannend! Was werden die beiden wohl tun? Auf alle Fälle nicht das, was sie gröbere Dichter als der unsrige anstellen ließen. Vielmehr reimt er höchst gefällig und anständig weiter: „So sitzens’ recht gmüatlich beinand, / erzähln sich dabei allerhand …!“ Der Liebhaber, vielleicht schon mehrmals zum Heiraten gedrängt, wiegelt sogar noch ab: „Siehgst, sagt er, i hab di recht gern, / doch wer soll unsere Kinder ernährn?“ Sein Gspusi, das offenbar in der Christenlehr gut aufgepasst hat, aber gleichwohl ein sehr leichtlebiges Geschöpf ist, wischt seine Bedenken zur Seite: „Geh, sagt sie, du bist doch a Christ, / dass du glei auf sowas vergisst, / die Kinder, die san scho geborgn, / da, lass nur den Herrn da drobn sorgn!“

In einer anderen Fassung des Lieds ist es: der Liebhaber, der das Kindersegen befürchtende Mädchen beschwichtigte. „Ich bin ein katholischer Christ, / und du von dem selbn Glaubn bist, / vertrau nur da drobn auf den Herrn, / der wird schon die Kinder ernährn!“

Mit dem Herrn da drobn ist das Stichwort für unseren Freund in den Zweigen gefallen. Als hätte der Sündenfall bereits stattgefunden, treibt er die zwei aus dem Paradies: „Auf des schrei i glei, was i kann, / für was schaugts ihr mich eigentlich an? / Ich soll eure Kinder ernährn? / Na warts nur, i zeig euch den Herrn!“ Damit ist der Höhepunkt dieser unvergleichlichen Dichtung, dieser herrlichen Verwechslungskomödie, dieser wahrhaften Volksoper erreicht! Während das Pärchen in Panik davonstürzt, sitzt der vermeintliche Herrgott mit seinen Löchern in der Hose oben auf dem Baum und bricht in homerisches Gelächter aus: „Die zwei warn vor Schrecken ganz stumm, / habn glaubt, dass der Herrgott selm kummt, / san grennt über Stock, über Strauch / und i halt mir vor Lachen mein Bauch!“ Hier nun müssen wir trotz aller Großartigkeit der Diktion dem unbekannten Meister eine kleine Rüge erteilen: Wie hätte der in den Ästen hängende Spaziergänger gleichzeitig noch seinen Bauch halten können, ohne herabzustürzen? Ist unser Dichter vielleicht deshalb noch auf keinem Schriftstellerkongress ehrend erwähnt worden? Wie wenn so kleine Ungereimtheiten nicht auch an der Tagesordnung wären! Und wie wenn nicht mancher froh sein müsste, wenn er dereinst einmal etwas gleich Herzerfrischendes wie das „Vogelnest“ hinterlassen könnte!

An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber

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