Entspannte Stimmung in den Wahllokalen

von Redaktion

Eine Kommunalwahl in der Coronakrise – doch Bayern hat den Stresstest offenbar bestanden: Die Wahlhelfer erzählen von hohem Andrang und freundlichen Wählern. Für Aufregung sorgte jedoch ein Aufruf der Stadt München: Wegen „akuter Gefährdung“ der Wahl mussten die Lehrer spontan als Wahlhelfer einspringen.

VON NINA PRAUN

München – Sonntagmorgen um zehn vor acht standen schon die ersten vor der Tür: „Das war bemerkenswert“, sagt Burkhard Köppen. Er ist erfahrener Wahlhelfer in der Stadt Erding, schon seit 40 Jahren ist er mit dabei – doch das hat er noch nie erlebt, dass schon vor der Öffnung des Wahllokals die Wähler draußen anstanden. Auch über den Tag hinweg war der Andrang relativ groß, so Köppen. Doch ansonsten verlief der Tag jedoch „nicht sehr viel anders“ als all die vorhergehenden Wahltage. Wegen des Coronavirus und der damit einhergehenden „besonderen Situation“ wurden natürlich Vorkehrungen getroffen, Materialien wurden desinfiziert, Helfer wuschen sich oft die Hände oder trugen teilweise Handschuhe, und die Wähler durften eigene Stifte mitbringen. Köppen ist 67 Jahre alt und „somit gehöre ich nominell zu der Risikogruppe“, doch da er fast 50 Jahre als Krankenpfleger gearbeitet hat, weiß er, was zu tun ist: „Beunruhigt bin ich nicht, ich glaube nicht, dass die Menschen sich in den Wahllokalen anstecken.“ Die Tatsache, dass die Wahl stattfand, beurteilte er als „eine gute Entscheidung“. Auch die Wähler vor Ort seien guter Dinge gewesen, so Köppen: „Es war völlig ruhig, die Menschen waren wie immer sehr freundlich und haben sich bei uns bedankt.“

Dieselbe Erfahrung hat Simon Hötzl als Wahlhelfer in Unterhaching (Landkreis München) gemacht. „Die Menschen sind ausnahmslos alle nett und freundlich zu uns“, erzählt der 49-Jährige. „Man erfährt sehr viel Wertschätzung.“ Ansonsten aber sei es eine „ganz normale Kommunalwahl“, die Wahlbeteiligung sei sogar „recht hoch“. Selbst die Briefwähler in Unterhaching seien „nicht signifikant mehr als sonst“.

In anderen Orten jedoch ist die Briefwahlbeteiligung enorm gestiegen: In Dachau hat ein Drittel der Wahlberechtigten per Brief gewählt, so Michael Eisenmann, Wahlhelfer in Dachau-Süd. Auch vor Ort war „einiges los, das Wahllokal war eigentlich durchgehend bevölkert“. Die Stimmung sei gut gewesen, „die Leute sind entspannt: Wir haben sogar eine 94-Jährige da gehabt, die einfach nur glücklich war, dass sie wählen darf“, so Eisenmann.

„Eigentlich ist die Situation ganz entspannt, als wäre Corona kein Thema“, meinte auch Wahlhelferin Anna-Maria Pätzold aus Grafing (Kreis Ebersberg). „Von 18 bis 70 gehen alle Altersgruppen wählen. Und: Es sind eher wenige, die mit dem eigenen Stift wählen.“

Doch andere Bürger übten heftige Kritik an dem Termin; vor allem in den sozialen Netzwerken war von Verantwortungslosigkeit den Wählern, vor allem aber den Wahlhelfern gegenüber die Rede. Kritik gab es auch an der strikten Auslegung des Wahlgesetzes: Am Sonntag gab es nach Aussagen einiger Betroffener Briefwahlunterlagen nur für nachweislich Erkrankte, nicht aber für Wähler, die Abstimmungsräume meiden wollten.

Großen Ärger gab es auch in München: Dort hatte die Stadt am Samstagabend einen Brief an alle verbeamteten Lehrer geschickt, in dem sie sie dazu „verpflichtete“, als Briefwahlvorstand einzuspringen. Denn „wegen der Coronaepidemie“ seien zahlreiche Wahlhelfer ausgefallen, die Wahl in München sei deshalb „akut gefährdet“. Die Lehrer mussten sich am Sonntagnachmittag an der Messe für die Briefwahlauszählung einfinden. Darüber waren einige Lehrer ziemlich verärgert: „Das hätten sie wohl ein paar Tage früher organisieren können“, sagte ein Gymnasiallehrer gegenüber unserer Zeitung, der anonym bleiben möchte. Er kritisierte erstens, dass die Lehrer eigentlich dazu angehalten wurden, dieses Wochenende digitale Unterrichtsmaterialien für das Bildungsportal „Mebis“ vorzubereiten, und zweitens, dass schließlich auch Lehrer „betreuungspflichtige Kinder daheim“ hätten – und die Auszählung aber bis Montag oder Dienstag andauern könne.

Auch viele weitere Lehrer, die schließlich zu hunderten in die Messehalle in Riem strömten, waren recht aufgebracht. „Ich bin erbost darüber, dass es so wirkt, als ob wir Lehrer sowieso nichts zu tun hätten“, sagte ein Gymnasiallehrer vor Ort. Ein großer Teil habe noch nie als Wahlhelfer gearbeitet, die meisten erklärten, sie hätten „keine Ahnung“. Sie wurden zunächst dazu aufgefordert, sich an Laptops nacheinander anzumelden. Als der OB Dieter Reiter auftrat, wurde er von einer Lehrerin direkt angegriffen: „Wir benutzen alle dieselben Toiletten, die Tastaturen werden nicht desinfiziert“, beschwerte sie sich lautstark. „Wer garantiert mir, dass ich hier gesund wieder rauskomme?“  ick/ham/mps

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