Tutzing – Dieser Einsatz an einem Sonntagmorgen im Oktober 2017 hat das Leben von Feuerwehrmann Volker Knoch verändert: Knoch und seine Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Tutzing (Kreis Starnberg) wurden wegen eines Kleinbrandes zu einem Mehrfamilienhaus gerufen. Eigentlich Routine. Doch: Der Kleinbrand war ein Großbrand, das Feuer war schwer in den Griff zu bekommen. Knoch ging als Atemschutzträger in das Haus – und wurde schwer verletzt. Es folgten eine lange Krankengeschichte und Streitereien mit der Versicherung. Bei einem Empfang hat der 53-Jährige vor Kurzem Innenminister Joachim Herrmann (CSU) um Hilfe gebeten.
Bei dem Einsatz war Knoch im zweiten Angriffstrupp. Als die ersten Atemschutzträger das Haus wieder verlassen mussten, rückte die Gruppe nach. Mit Schutzkleidung ging es in den verrauchten zweiten Stock. Knoch ging in die Knie – und ein Glutnest fiel in seinen Nacken. „Eigentlich geht das gar nicht“, sagt er. „Wir sind ja durch den Helm und unsere Kleidung gut geschützt.“ Irgendwie ist es trotzdem passiert, es müssen viele unglückliche Umstände zusammengekommen sein. „Zuerst hab ich mir gar nichts gedacht“, erzählt Knoch. Es war der Schock. Ein Kollege spritzte ihm sofort Wasser in den Nacken. Später wandte sich Knoch an den Rettungsdienst, der vor Ort war. Er rechnete damit, nur kurz verarztet zu werden. Doch: Er hatte Verbrennungen zweiten und dritten Grades und eine Vorderkantenabsprengung eines Halswirbels erlitten. Mit dem Hubschrauber kam er in die Unfallklinik Murnau.
Es folgte ein langer Leidensweg: Drei Operationen musste Knoch durchstehen, über vier Wochen war er in der Klinik, außerdem zwei Monate auf Reha. Rund drei Monate konnte er nicht arbeiten. Hinzu kam ein hoher finanzieller Schaden: „Mindestens 30 000 Euro hat mich der Unfall gekostet, die nicht von der Versicherung gedeckt waren“, berichtet er.
Wenn Feuerwehrleute bei der Ausübung ihres Ehrenamts verletzt werden, springt die Kommunale Unfallversicherung Bayern (KUVB) ein. Übernommen werden unter anderem Kosten für die medizinische Behandlung, Rehabilitation und Verletztengeld für die Dauer der Arbeitsunfähigkeit. „Aber es gibt eine Unterversicherung“, findet Knoch. So wird der Einkommensausfall nur bis zu einem gewissen Höchstbetrag ausgeglichen. 2017, als Knoch den Unfall hatte, lag die Jahresverdienstgrenze bei 81 000 Euro. Inzwischen wurde das geändert: 2019 war die Höchstgrenze bei 94 000 Euro, 2020 ist sie bei 96 000. „Alles, was darüber liegt, ist weg“, bedauert Knoch. Für ihn habe das enorme Einbußen bedeutet. Als selbstständiger Ingenieur habe er außerdem einen guten Kunden verloren. Hinzu käme, dass er drei Monate nur den Mindestsatz an Verletztengeld erhalten habe. Der Grund sei „ein langes Hin und Her mit den Bescheiden“ gewesen. Sogar eine Spendenaktion wurde damals gestartet. Knoch kämpft außerdem noch darum, dass ein Bandscheibenvorfall als Unfallfolge anerkannt wird. Seine Narbe, „groß wie eine gespreizte Hand“, spanne häufig. Eine weitere Reha ist geplant.
Bei dem Empfang hat Volker Knoch jetzt Innenminister Joachim Herrmann gebeten, sich für seine Belange einzusetzen. Der Fall sei bekannt, heißt es im Innenministerium. Die Einflussmöglichkeiten seien zwar gering. Aber: Nach dem persönlichen Gespräch werde Herrmann noch einmal den Anliegen von Volker Knoch nachgehen, verspricht Sprecherin Sandra Schließlberger. Sie betont: „In aller Regel sind die Feuerwehrdienstleistenden sehr gut abgesichert.“
Diesen Eindruck hat auch der Landesfeuerwehrverband (LFV): „Angesichts der Gesamtzahl der Fälle gibt es fast keine Probleme“, sagt Uwe Peetz vom LFV. Insgesamt verletzen sich laut dem LFV bayernweit jährlich rund 2000 Feuerwehrleute im Dienst. 2018 wurden laut der KUVB 721 meldepflichtige Feuerwehrunfälle erfasst, bei denen der Verletzte mehr als drei Tage arbeitsunfähig war.
Volker Knoch engagiert sich trotz seines Unfalls weiter bei der Feuerwehr. „Die Feuerwehr ist wie eine Familie“, sagt er. Zu Einsätzen fährt er aber seltener und: „Immer ist ein blödes Gefühl mit dabei.“ CLAUDIA SCHURI