von Redaktion

Anja Vogler-Matauschek lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Sauerlach (Kreis München) – und die kommenden Wochen werden die Fünf mehr Zeit als gewöhnlich miteinander verbringen. Wegen Corona. Für unsere Zeitung schreibt die 47-jährige Sozialpädagogin ein Tagebuch. Sie wird berichten, wie sich ihr Familienleben verändert – und wie sie die neuen Herausforderungen meistern wollen.

Seit Freitag wissen wir, dass wir zu fünft zumindest für die nächsten drei Wochen zusammen daheim sein werden. Fünf Wochen Ferien, herrlich! Nach der ersten spontanen Freude der Kinder kehrt bald Ernüchterung ein, als wir ihnen mitteilten, dass auch die sozialen Kontakte eingeschränkt werden sollen. Von unseren drei Söhnen (18, 16 und 13 Jahre) schlägt uns eine Welle der Empörung entgegen. Damit haben wir gerechnet, denn schließlich ist der Austausch mit Gleichaltrigen in diesem Alter viel wichtiger als mit den Eltern. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.

Dann die nächste schlechte Nachricht: Zu Hause sollen täglich von den Lehrern eingestellte Arbeitsmaterialien abgearbeitet werden. Bitte? Erneute Fassungslosigkeiten bei den Jungs. Offenbar sind sie davon ausgegangen, dass sich die Betreuung durch die Schule wie im Schneechaos wiederholen wird – also wenig bis gar nichts zu tun. Wir nutzen die Chance, uns als Eltern ins Spiel zu bringen und schlagen einen festen Tagesablauf vor. Wie zu erwarten: wenig Begeisterung. Wir versuchen zu erklären, wie wichtig jetzt eine Struktur ist, damit die Tage einen Rhythmus aus Arbeit und Erholung bekommen. Auch mein Mann und ich müssen in Ruhe arbeiten können. Um aber motiviert in die erste Woche zu starten, stellen wir also nicht nur einen Plan auf – sondern auch ein paar schöne Dinge in Aussicht. Die Situation bietet vielleicht auch die Chance, zurückgestellte Ideen im Haus zusammen umzusetzen und ganz anderes miteinander zu machen.

Als ich nur noch mit meinem Mann am Tisch sitze, blicken wir uns fragend an: Wie wird das werden hier Tag und Nacht eng beieinander, ohne Vereinssport für die Kinder und Verabredungen? Werden wir uns auf die Nerven gehen oder rechtzeitig aus dem Weg? Bringen wir genügend Geduld, Toleranz, Rücksicht und Zuversicht auf? Wer motiviert wen, wer heitert wen auf, wenn mal schlechte Stimmung ist? Fallen uns und den Kindern genügend sinnvolle Beschäftigungen ein oder gewinnen Smartphone, Playstation oder Netflix die Oberhand? Wie werden wir das einigermaßen friedlich und harmonisch hinbekommen? Die Antworten haben wir noch nicht. Aber wie allen Eltern bleibt uns nichts anderes übrig, als sich den Herausforderungen zu stellen.

TAG 1 – MONTAG

Noch vor der abgesprochenen Aufstehzeit werde ich von einem Hämmern geweckt. Mein zweitältester Sohn hat beschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen und in seinem Zimmer etwas zu verändern. Gut, dann kann er gleich mit mir einkaufen fahren. Die anderen schlafen noch und wir starten, um vor den anderen im Supermarkt zu sein. Diese Idee hatten allerdings viele. Der Parkplatz ist voll. In den Regalen dagegen alles leer – offenbar gab es zwischen Samstag und Montag keine Lieferung. Der Einkaufszettel hat viele offene Posten, als wir den Laden verlassen. Nicht so schlimm, noch ist der Notstand nicht ausgebrochen.

Schnell nach Hause und frühstücken, der Zeitplan sitzt uns im Nacken. Dann der Kraftakt: Alle Jungs nach oben an die Schreibtische motivieren. Warum haben wir keine Schulglocke? Gleich mal nach einer App schauen. Jedoch werden wir eingebremst: der Schulserver ist überlastet. Jede Schule bemüht sich, es klappt nicht gleich – mein jüngster Sohn stöhnt ungeduldig und will lieber auf dem Handy spielen. Doch dann haben alle ihre Materialien und was zu tun.

Zum Mittagessen treffen wir uns alle am Tisch. Papa hat ausgiebig gekocht (zur Hebung der Stimmung). „Gibt’s jetzt jeden Tag Vaterversorgung?“, ruft mein zweitältester Sohn begeistert. Draußen lockt die Sonne. Wir müssen mal raus. Ein Spaziergang soll ja o.k. sein. Nachmittags müssen alle noch was arbeiten. Dann machen wir was zusammen. Mal sehen, wie das so weitergeht…

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