Mittenwald – Normalerweise ist Mark Ostermayr Grenzgänger: Der 45-Jährige lebt in Scharnitz in Österreich, arbeitet aber im wenige Kilometer entfernten Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) in Bayern. Auch seine Frau pendelt täglich zur Arbeit nach Mittenwald. Von den Einreisebeschränkungen, um das Coronavirus einzudämmen, ist seine Familie besonders betroffen. Trotzdem: Ostermayr hat Verständnis dafür. „Ich finde es auf jeden Fall sinnvoll und nicht übertrieben“, sagt er. Während er gestern im Homeoffice gearbeitet hat, ist seine Frau nach Mittenwald gefahren. „Sie ist gut rübergekommen“, erzählt er.
Denn die Grenze ist nicht für alle dicht: Berufspendler mit einer Bescheinigung des Arbeitgebers dürfen sie weiterhin passieren, genauso wie Warenlieferanten und Deutsche, die zurück ins Land wollen. Bereits einige Meter vor der Grenze werden alle, die aus Italien, Österreich und der Schweiz kommen, mit einer großen Tafel gewarnt: „Bitte 2 Wochen zu Hause bleiben.“ Ein Großteil derer, die gestern von Scharnitz nach Mittenwald unterwegs waren, waren Deutsche auf dem Rückweg. „Wo wollen Sie hin?“ „Wo kommen Sie her?“ „Hatten Sie Kontakt mit Corona-Patienten?“ Derartige Fragen stellen die Polizisten den Autofahrern. Die meisten durften dann zügig weiterfahren, nur wenige Autofahrer aus Österreich kehrten um, als sie die Kontrollen sahen.
Ein paar Kilometer weiter in Österreich sind in diesen Tagen die Straßen fast leer. „Natürlich ist es für uns ein enormer Verlust“, sagt Romina Reinpold, Prokuristin bei den Reinpold-Tankstellen in Scharnitz und Niederndorferberg. Viele Stammkunden aus Bayern könnten jetzt nicht mehr zum Tanken kommen. Reinpold ist trotzdem froh über die Grenzkontrollen. „Wir sind hier fassungslos, dass es in Bayern nicht noch mehr Schutzmaßnahmen gibt“, sagt sie. „Der wirtschaftliche Schaden ist erst zweitrangig, jetzt geht es vor allem um die Gesundheit.“ Die Toiletten sind geschlossen, an allen Zapfsäulen hängen Informationsschilder, die Kunden werden gebeten, den Verkaufsraum nur einzeln zu betreten. Womöglich werden zudem die Öffnungszeiten verringert. „Ganz schließen werden wir nicht, weil wir eine Versorgungspflicht haben“, erklärte Reinpold. „Aber wir haben auch eine Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern.“ Über die Grenze wäre sie in diesen Tagen sowieso nicht gefahren.
Auch Mittenwalds Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU) ist überzeugt, dass die Grenzschließung richtig ist – auch wenn sie für viele Bürger ein großer Einschnitt ist. „Es war unausweichlich“, sagt er. „Gesundheit geht vor. Ich rechne deshalb auch noch mit weiteren Einschränkungen.“ Er ist froh, dass jetzt noch keine Touristen-Hauptsaison in Mittenwald ist. „Um diese Zeit ist sowieso noch nicht so viel los.“
Ein paar Touristen tummelten sich gestern schon im Mittenwalder Ortskern. So wie ein Berliner Paar, 81 und 77 Jahre alt. Die beiden machen jedes Jahr in Bayern Urlaub. „Eigentlich wollten wir bis Donnerstag bleiben“, sagt die Frau. Wegen des Coronavirus fahren sie aber bereits heute wieder zurück. Auch auf den Ausflug nach Innsbruck haben sie verzichtet. „Sonst sehen wir das aber ganz entspannt“, sagt sie.
Etwas weniger als sonst ist in Mittenwald schon unterwegs, so die Einschätzung der Ladenbesitzer. „Normalerweise kommen mehr Innsbrucker zum Einkaufen“, sagt Florian Töpfl (45), der unter anderem selbst hergestellte Nudeln und Brotbackmischungen verkauft. „Es ist ruhiger.“ Das ist auch der Eindruck von Benjamin Rieger aus dem Nachbarladen, der unter anderem Dekorations- und Kunstartikel anbietet. „Aber wir haben Verständnis für die Maßnahmen“, betont auch er. „In so einer Zeit ist es einfach wichtig, vorsichtig zu sein und auf die Regierung zu hören.“
Wie die Stimmung in Mittenwald ist? Bürgermeister Hornsteiner fasst es so zusammen: „Die Leute haben die gebotene Aufmerksamkeit, aber auch die notwendige Gelassenheit.“