Der Kahr-Putsch

von Redaktion

Es sind verrückte Zeiten – das konnten auch die Menschen vor 100 Jahren sagen: Kaum war Revolution und Gegenrevolution halbwegs überstanden, putschten im März 1920 rechtsgerichtete Kreise. Die SPD-geführte Landesregierung wich einem autoritären Beamtenregime.

VON DIRK WALTER

München – Es war ein Drama in zwei Akten, das sich im März 1920 vollzog. Während ein Putsch in Berlin scheiterte, glückte ein ähnliches Unternehmen in Bayern – es war der Beginn der sogenannten Ordnungszelle Bayern, und der Begriff ist hier nicht positiv gemeint.

Zunächst hatte der Generallandschaftsdirektor von Ostpreußen, Wolfgang Kapp, der mit der Deutschen Vaterlandspartei und General Ludendorff sympathisierte, am 13. März 1920 in Berlin eine „neue Regierung der Ordnung, der Freiheit und der Tat“ proklamiert. Zusammen mit den Generälen Lüttwitz und Ludendorff wollte Kapp die rechtmäßig gewählte Reichsregierung absetzen und sich selbst an die Spitze einer Militärdiktatur setzen, so die einhellige Meinung der Historiker.

Doch dazu kam es nicht: Noch war die junge Republik von Weimar kräftig genug, sich gegen solche Umsturzversuche aufzulehnen. Die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik, in kurzer Zeit brach der Putsch zusammen.

Allerdings nicht in Bayern: Dort nutzte der Kommandeur der bayerischen Reichswehr-Division, Arnold Ritter von Möhl, die unübersichtliche Lage und unternahm Schritte, die bayerische Landesregierung unter ihrem Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann (SPD) zu stürzen. Dabei kam als potenzieller Nachfolger ein Mann ins Spiel, der als Schöpfer der „Ordnungszelle“ Bayern gilt: Gustav von Kahr war bis dato Regierungspräsident von Oberbayern gewesen. „Alles an ihm war beamtenmäßig, ja militärartig korrekt“, schrieb der Historiker Wolfgang Zorn. „Er bevorzugte schwarze Anzüge mit altmodischer Halsbinde und widmete seine besondere Liebe der heimatlichen und religiösen Volkskunde und dem Naturschutz.“ Er gehörte keiner Partei an. Und noch eins charakterisierte ihn: Die Ablehnung der Revolution, die für ihn „ein traumatisches Ereignis“ war (so der Historiker Stefan Deutinger). In den unruhigen Tagen des November 1918 war er angeblich nur durch die Hintertür aufgebrachten Revolutionären entkommen.

Kahr nun erschien in der Nacht des 14. März 1920 an der Seite des Münchner Polizeipräsidenten Ernst Pöhner und des Führers der Einwohnerwehren, Georg Escherich, bei Möhl und verlangte, ihm die exekutive Gewalt zu übertragen. Druck auf den als „regierungsfromm“ diffamierten General war die Absicht. Möhl ging vor wie gewünscht: Er erschien am Morgen mit einer Abordnung Soldaten beim Ministerpräsidenten und verlangte die Übertragung der vollziehenden Gewalt auf ihn. Auf der Münchner Pionierkaserne wurde die schwarz-weiß-rote Fahne gehisst. So unter Druck gesetzt, legte Hoffmann sein Amt am 15. März nieder. Einen Tag später trat der Landtag zusammen. Ergebnis: Eine Mehrheit aus der katholischen BVP, Liberalen und Bauernbündlern wählte Kahr zum Regierungschef. Dieser gab noch am Nachmittag eine Regierungserklärung ab, die gleich zeigte, wohin die Reise führen würde: in eine scharf ausländerfeindliche Politik, die noch wenige Tage zuvor undenkbar gewesen wäre. Kahr erklärte, er trete für Ordnung, Ruhe und Arbeit, aber auch für die Reinhaltung des eigenen Volkes von „fremden Elementen“ ein – womit vor allem die in München ansässigen, vor Pogromen geflüchteten Juden aus Russland gemeint waren.

Im Ministerrat erläuterte Kahr, er sei der Meinung, dass „in der Ausländerfrage etwas geschehen müsse“ und schlug „den Erlass einer Verordnung vor, die für den Zuzug und Aufenthalt der Ausländer und Staatenlosen einschneidende Beschränkungen bringt“. Diese Verordnung kam noch am selben Tag – und wenig später wurden die ersten missliebigen Ausländer, darunter auch Juden, bis zur Abschiebung in das Lager „Fort Prinz Carl“ bei Ingolstadt eingewiesen.

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