Anja Vogler-Matauschek lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Sauerlach (Kreis München). Für unsere Zeitung schreibt die 47-jährige Sozialpädagogin ein Tagebuch über das Familienleben mit Ehemann und drei Söhnen (18, 16 und 13 Jahre) in Zeiten von Corona und Schulschließungen.
Freitag, 20. März
Die Sonne lacht und uns zieht es hinaus. Der Tipp der Nachbarin ist Gold wert: Heute machen wir ein Picknick. Mit Gaskocher, Nudeln, Soße, Käse und sonstigen Equipment bewaffnet fahren wir zum Waldrand und laufen auf einem einsamen Weg zu einer ruhigen Lichtung. Bei mir macht sich ein Freiheitsgefühl breit. Warum fällt es uns so schwer zu verzichten? Haben wir nicht gerade zufällig auch Fastenzeit? Dieser Ausflug fühlt sich wie Luxus an. Im Wald lässt sich der Frühling schon spüren, es summt und kriecht und fliegt. Die Jungs haben Platz zum Fußball spielen. Die Sonne und die milde Luft tun gut. Noch können wir geschlossen als Familie einen Spaziergang machen. Ich merke, wie beklemmend der Gedanke ist, möglicherweise bald nur noch zum Einkaufen rausgehen zu dürfen. Ich hoffe, das bleibt uns erspart.
Samstag, 21. März
Es ist Wochenende, aber was spielt das für eine Rolle? Ich frage mich, ob Rentner, die schon sehr lange im Ruhestand sind, noch eine Wochenstruktur haben oder Tag für Tag vor sich hin leben. Wahrscheinlich braucht es jede Menge Aufgaben oder Disziplin, um im Wochenrhythmus zu leben. Auf alle Fälle Gesundheit und Neugier. Was mir fehlt ist das nach Hause kommen, das sich Freuen auf die eigenen vier Wände. Jetzt kann ich mich einigeln – schön. Aber es passt nicht zum Frühling, bei dem es doch um Aufbruch geht.
Eigentlich wären wir heute alle unterwegs zur Geburtstagsfeier der Oma, denn sie wird 80 Jahre. Doch wir sitzen zu Hause. Aber wozu gibt es Skype? Wir haben das vorher geübt mit den drei Familien, dass es auch klappt. Und wie es klappt! Uns trennen hunderte Kilometer, aber wir fühlen uns alle ganz nahe. Die Live-Schalte läuft ziemlich chaotisch ab, weil alle durcheinander plappern. Da der Ist-Stand ja bei allen ähnlich ist, ergibt sich die Gelegenheit, mal die Wohnungseinrichtung zu betrachten. Sehr interessant! Die Oma hat viel Freude und es fließen ein paar Tränen. Wir versprechen die Umarmung und das Anstoßen nachzuholen. Unser aller Wunsch von Gesundheit hat heute mehr Gewicht denn je. Für den Abend laden wir die Oma auf eine Digital-Party ein. Motto: Wünsch dir was! Die Oma hat aus ihrem langen Leben ein paar Hits bereit, die wir intonieren dürfen. Jetzt wissen die Jungs auch wie „Griechischer Wein“ gesungen wird. Weiterbildung in Sachen Wiesnlieder also. Peter Alexander darf die Party beschließen und es fällt richtig schwer, zum Abschied leise Servus zu sagen.
Sonntag, 22. März
Die Goldmarie hat nochmal einen Einsatz bekommen und alles eingezuckert. Jetzt wirken Hof und Garten noch stiller und verschlafener. Da die Oma vor Kurzem zu Besuch war sind alle Socken gestopft und sämtliche Nähte verschlossen. Aber ein paar anzunähende Knöpfe hat sie übrig gelassen. Das ist die Stunde für „Learning by doing“, wie ich es euphorisch nenne. Die Junioren sind wenig begeistert, mir zuliebe erbarmt sich einer meiner Söhne, zu meiner kleinen Nähstunde. Zweifel kommen auf, ob das nicht doch schon in HSU gelernt worden ist. Aber entweder hat er alles vergessen oder es ist wirklich neu für ihn. Der Jüngste staunt, wie das so geht. Und am Ende ist er stolz, dem Papa sein Ergebnis zeigen zu können und Papa lobt. Von dem Erfolgserlebnis des Sohnesmannes angespornt, hole ich die Nähmaschine raus. Der Anregung von Wirtschaftsminister Aiwanger folgend,dass der Freistaat jetzt Nähstücke erstellt, die als Mundschutz dienen sollen, mach ich mich ans Werk. Obwohl ich offen gegenüber Farb- und Materialwünschen bin, schlägt mir eine Welle der Skepsis entgegen. „Und Du denkst, das funktioniert?“ Jetzt keinen Zweifel zeigen! „Besser als nichts. Wer weiß, ob wir die nicht bald brauchen werden“ entgegne ich trotzig und starte die „Mission Mundschutz“.
Montag, 23. März
Jetzt ist die Stunde der Leseratten gekommen. Wohl den Eltern, denen es geglückt ist, diese Saat bei ihren Nachkommen aufgehen zu lassen. Bei uns ist das leider im Keim erstickt. Daher haben wir eine tägliche Lesestunde eingeführt – theoretisch. In der Praxis sieht es so aus, dass wir das etwas schleifen gelassen haben. Naja, mit der richtigen Umgebung steigt vielleicht die Motivation. Ich weiß, was bei unserem Nachwuchs zieht, serviere ein paar leckere Drinks und stelle ein Nudelgericht in Aussicht. Auf dem Esstisch steht ein Stapel spannender Bücher in greifbarer Nähe. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich doch noch eine Lust aufs Lesen entwickelt. Ich denke an meinen guten alten Freund der da optimistisch sagte. „Immer wieder anbieten!“