Corona-Angst in Flüchtlingsheimen

von Redaktion

In den meisten bayerischen Flüchtlingsunterkünften leben die Menschen auf engem Raum zusammen. Sie haben jetzt während der Corona-Krise kaum Möglichkeiten, genug Abstand zueinander zu halten. Doch nicht nur die große Infektionsgefahr macht Helfern und Behörden gerade Sorgen.

VON KATRIN WOITSCH

München – Max Niedermeier ist ratlos. Gerade hat er eine Mail vom Landratsamt Miesbach geöffnet. Als Integrationsbeauftragter wird er gebeten, den Flüchtlingen in den Unterkünften zu vermitteln, wie sie sich zu Corona-Zeiten verhalten sollen, um die Ansteckungsgefahr gering zu halten. Das ist keine kleine Aufgabe, die da von ihm verlangt wird. Wie er und die anderen Helfer sie umsetzen sollen, ist ihm nicht klar. Sie dürfen nicht mehr in die Unterkünfte. Dieses Besuchsverbot gilt nicht nur im Landkreis Miesbach. Denn die meisten ehrenamtlichen Helfer sind im Rentenalter – und damit Corona-Risikogruppe. Doch auch für die Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften ist das Risiko, sich gegenseitig anzustecken, sehr hoch. Denn sie leben auf engem Raum zusammen, benutzen dieselben Toiletten und Duschen, teilen sich die Zimmer. „Sehr viele sind gut aufgeklärt“, sagt Niedermeier. Und trotzdem hat er Bedenken, dass die Corona-Nachrichten viele nicht erreichen.

Claudia Köhler ist davon sogar überzeugt. Die Grünen-Landtagsabgeordnete aus Unterhaching (Kreis München) ist gut mit den Helferkreisen vor Ort vernetzt. Aber auch mit dem Landratsamt. „Die Menschen sind in den Gemeinschaftsunterkünften gerade völlig auf sich allein gestellt“, sagt sie. Die Sozialbetreuung kann nicht mehr stattfinden, Ehrenamtliche dürfen nicht mehr rein, auch für die depressiven und traumatisierten Flüchtlinge gibt es aktuell keine Hilfen. Es habe zwar Aushänge gegeben, auch in mehreren Sprachen, berichtet Köhler. „Aber es gibt unter den Flüchtlingen auch Analphabeten“, betont sie. Und nicht alle würden schon so gut Deutsch sprechen, dass sie Wörter wie „Pandemie“ oder „Ausgangssperre“ verstehen könnten. Hinzu komme, dass die Kinder nicht mehr in die Schulen und viele Berufstätige nicht mehr arbeiten können. „Die Menschen sitzen jetzt auf engem Raum zusammen“, sagt sie.

In den Ankerzentren in Oberbayern leben rund 2550 Personen, in den Gemeinschaftsunterkünften rund 8300. Köhler fordert schon lange, die großen Unterkünfte aufzulösen und mehr Flüchtlinge dezentral unterzubringen. „Wäre das passiert, würde sich die Lage jetzt nicht so zuspitzen.“

In Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) konnte das gerade noch verhindert werden. Dort wurde vor einigen Tagen ein Bewohner positiv getestet. Er wurde sofort außerhalb der Einrichtung untergebracht, die anderen 165 Asylbewerber sollen die Einrichtung nicht verlassen, bis ihre Testergebnisse vorliegen. Dann will das Landratsamt über das weitere Vorgehen entscheiden.

In ganz Oberbayern gab es bereits sieben Corona-Fälle in Gemeinschaftsunterkünften, bayernweit sind es laut Innenministerium bisher zehn. Die Bundesländer haben unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, um die Ansteckungsgefahr in den Asylunterkünften zu verringern. Im Freistaat wird laut Ministerium darauf geachtet, dass in Zimmern und Kantinen der Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten wird, Erkrankte werden sofort isoliert. Es gebe ausreichen Seife und Desinfektionsmittel, betont die Regierung von Oberbayern. Zudem würden im Rahmen der Kapazitäten die Belegungen gelockert. Claudia Köhler glaubt nicht, dass dadurch die Ansteckungsgefahr entscheidend minimiert wird. Sie ist überzeugt: „Wenn einer infiziert ist, steckt er schnell viele an.“

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