München/Aschaffenburg – Dieses Datum geht in der Corona-Krise beinahe unter: Vor 75 Jahren, am 25. März 1945, drangen US-Truppen erstmals auf bayerischen Boden vor – bei Aschaffenburg, wo sich um die zur „Festung“ erklärten Stadt sogleich heftigste Kämpfe entwickelten. Danach sollte es nur noch einen guten Monat dauern, bis Anfang Mai, ehe die 7. US-Armee unter General Patton mit Berchtesgaden auch den letzten Zipfel Bayerns erobert hatte. Es war ein dramatischer Monat, denn nun war der Zweite Weltkrieg vor der Haustür, wurde fanatisch um jede Brücke gekämpft und fanden Verbrechen – an Zivilisten, versprengten Wehrmachts-Soldaten und KZ-Häftlingen – in aller Öffentlichkeit statt. Nun verwandelte sich auch Bayern, wie es der britische Historiker Ian Kershaw in seinem Buch „Das Ende“ beschrieben hat, „in ein riesiges Leichenhaus“.
Die neuntägigen Gefechte mit wohl hunderten von Toten in Aschaffenburg, wo sich fanatische Verteidiger zuletzt in das ruinierte Schloss Johannisburg zurückgezogen hatten, sind oft geschildert worden. Volkssturm-Männer drangen sogar durch die Kanalisation vor, um vorrückende US-Soldaten in Heckenschützenmanier zu töten.
Weniger bekannt ist ein (nie gesühnter) Mord inmitten der Ruinenstadt: Die Hinrichtung des deutschen Soldaten Friedel Heymann (26) ist eines von vielen Endphaseverbrechen, die fanatische Wehrmachts-Soldaten und versprengte SS-Trupps quasi in letzter Minute verübten. Der Terror, schreibt Historiker Kershaw, funktionierte „bis zum Letzten“, überall fanden sich noch Getreue Hitlers, die trotz auswegloser Situation unbeirrt kämpften.
Leutnant Heymann hatte an der Ostfront eine schwere Verwundung der linken Hand erlitten, ein Finger war schon amputiert, der Verlust der ganzen Hand stand zu befürchten. Er war zu Hause bei seiner Ehefrau, die er erst fünf Tage vorher geheiratet hatte. Trotzdem, so hat es die Ortshistorikerin Monika Schmittner vor Jahren recherchiert, kontrollierten Abgesandte des Wehrmachts-Kampfkommandanten Emil Lamberth zweimal zu Hause seine Papiere. Bei der dritten Kontrolle am 27. März nahmen sie ihn mit. Noch am selben Abend verurteilte ihn ein Standgericht im Keller der Jägerkaserne zum Tod durch den Strang. Der Grund laut Urteil: „Fahnenflucht und Feigheit vor dem Feind“. Am nächsten Morgen bestätigte Lamberth das Urteil – am Reklameschild eines Cafés in der Stadtmitte wurde Heymann aufgeknüpft. Um seine Leiche ließ Lamberth, der dem Soldaten noch persönlich die Schulterstücke und die Eisernen Kreuze von der Uniform abgerissen hatte, ein Schild anbringen: Unter anderem hieß es darauf: „Heute hängt ein Feigling im Offiziersrock, weil er Führer und Volk verriet.“
Die Leiche hing tagelang an dem Café, bis am 3. April US-Truppen die Stadt besetzt hatten. Lamberth wurde nach dem Krieg zu einer (dann reduzierten) vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.