Das Ende einer Ära, aber kaum einer merkt’s: Nach 18 Jahren als Chef des einflussreichen Bayerischen Beamtenbunds tritt Rolf Habermann, 66, heute still zurück. Ruhestand. Feier und Neuwahl wurden in der Corona-Krise abgesagt. Nachfolger Rainer Nachtigall übernimmt vorerst kommissarisch. Was kommt auf die Beamten zu?
Sie haben 18 Jahre mit sieben bayerischen Finanzministern um Geld und Arbeitsbedingungen gerungen. Mit wem ließ sich am schönsten streiten?
So richtig gekabbelt habe ich mich immer mit Kurt Faltl-hauser. Neulich hat er mir mit dem nötigen Abstand zugestanden, dass ich mit einigen Sachen doch Recht gehabt habe.
Standen Sie 2003/04 auch in Kreuth und haben gegen Stoibers Beamten-Reform demonstriert?
Selbstverständlich, mit eiskalten Füßen! Ich habe das Ganze ja organisiert – dieses Erlebnis vergesse ich nie.
Im Normalfall war Ihr Stil ja anders: Kooperativ, leise – wie haben Sie ohne Streikrecht Ihre Anliegen durchgesetzt?
Straße und Streik waren nie unser Ziel. Wir haben immer versucht, so viel wie möglich im Miteinander zu lösen, im Vertrauensverhältnis mit Staatsregierung und allen Parteien im Landtag. In dieser Funktion ist ganz wichtig, dass man versteht, wann es Zeitfenster für Entscheidungen gibt – und wann ein „Spiel“ verloren ist. Es war immer ein Teamwork mit Vorstand und BBB-Geschäftsstelle. Und ich behaupte, wir hatten immer wieder ein ziemlich gutes Bauchgefühl.
Hat sich in diesen 18 Jahren das Image der Beamten verändert?
Ich meine ja. Wir haben seit 2009 das – aus meiner Sicht – weltweit modernste Dienstrecht. Auch wir Beamte haben uns angepasst, gewandelt.
Bayern hat den bestbezahlten öffentlichen Dienst. Aber kriegen Sie noch die besten Leute?
Das ist ein Problem, das mich seit Jahren beschäftigt: Wie gewinnen wir die Besten? Das gelingt uns oft, aber nicht überall. Die Konkurrenz ist hart, etwa in den MINT-Fächern an den Schulen oder bei den technischen Berufen. Beim Geld können wir nicht immer mithalten, aber wir können mit attraktiven Arbeitsbedingungen punkten, etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Das Berufsbild Beamter wird sich weiter ändern. Was ist aus Ihrer Sicht unverrückbar? Das Nein zur Einheitsversicherung, zu angestellten Lehrern?
Beides ist völlig unverrückbar und in Stein gemeißelt. Beides hätte fatale Folgen für Staat und Gesellschaft.
Wir erleben eine schwere Krise. Manche Beamte, etwa engagierte Lehrer im Home-Schooling, stürzen sich voll rein. Anderswo hören wir von Gesundheitsämtern, die samstags nicht erreichbar sind…
Wir sollten uns davor hüten zu verallgemeinern. Wir können bestimmt manches verbessern, etwa in der Digitalisierung der Ämter. Aber Bayerns öffentlicher Dienst packt in der Krise enorm an. Schauen wir bitte mal auf die Flüchtlingssituation im Herbst 2015: Der öffentliche Dienst hat vorbildlich jenseits aller Arbeitszeiten für die Menschen gearbeitet. Das tut er auch jetzt unter teilweise schwierigen Bedingungen.
Sie hören heute auf. Leise, ohne Feierstunde. Schade?
Es gibt jetzt wahrlich Wichtigeres als Feierstunden. Und es steht mit Kollege Rainer Nachtigall ein Nachfolger bereit, der in unserer Polizeigewerkschaft und der Politik große Erfahrung gesammelt hat.
Was planen Sie nun? Wir können Sie uns nicht auf der Couch vorstellen…
Oh doch. Ich habe das erfolgreich geprobt. Für Donnerstag hat mich meine Frau schon zum Fensterputzen eingeteilt. So geht’s los! Im Ernst: Wir wollen vieles nachholen, wofür in den stressigen 18 Jahren keine Zeit geblieben ist. Ich glaube, wir bekommen das hin – auch ohne die eine oder andere Sitzung.
Interview: Chr. Deutschländer