„Ohne Struktur kommt man zu nichts“

von Redaktion

INTERVIEW Trainerin für Selbstmanagement gibt Tipps, wie das Homeoffice funktionieren kann

München – Die meisten sind einfach so ins kalte Wasser geschmissen worden: Plötzlich ist Arbeiten im Home-office angesagt. Doch wie genau soll das funktionieren? Christiane Mahlich ist Coach für Selbstmanagement und Arbeitsorganisation und eine Expertin für die effektive Arbeit im Homeoffice. Im Interview spricht sie über Rituale, Regeln und das Arbeiten im Schlafanzug.

Frau Mahlich, viele Menschen träumen schon lange vom Homeoffice – und nun stolpern sie gezwungenermaßen plötzlich hinein. Ist das nun gut oder schlecht?

Das ist mit Sicherheit eine Chance. Viele wünschten es sich, doch die meisten Firmen haben noch keine Voraussetzungen dafür geschaffen – weil es nicht notwendig war. Jetzt ist es aber dringend notwendig, nun muss sich wirklich jeder damit auseinandersetzen. Aber: In der jetzigen Situation ergeben sich einige Stolperfallen.

Welche Stolperfallen?

Zum Beispiel, dass plötzlich mehrere Familienmitglieder zu Hause sind: beide Eltern, mehrere Kinder …

Stellen wir uns also so eine Familie vor. Alle sind nun zu Hause, beide Eltern müssen arbeiten. Was ist nun zu tun?

Als allererstes sollte man sich zusammensetzen und sagen: So, wir haben jetzt eine neue Situation. Wie gehen wir damit um? Was hat wer wann zu tun? Man muss Prioritäten setzen und dann einen Plan machen. Die Eltern müssen arbeiten, die Kinder müssen weiter lernen; jemand muss einkaufen gehen und kochen, diese Aufgaben müssen aufgeteilt werden. Auch Geschwister können sich umeinander kümmern. Und man kann dann auch mal sagen: So, jetzt dürft ihr auch mal länger vor dem Fernseher oder dem Smartphone sitzen.

Sollte man den Tag also ähnlich strukturieren wie zuvor?

Man sollte den Tag auf alle Fälle strukturieren, sonst kommt irgendwann der Schlendrian rein und man kommt zu gar nichts. Vielleicht steht man eine halbe Stunde später auf, denn es fällt ja der Weg zur Arbeit oder zur Schule weg; das darf man sich gönnen. Dann kann man zusammen frühstücken und besprechen, wie der Tag aussehen soll. Man sollte dabei auch Zeiten für gemeinsame Pausen festlegen und für das Arbeitsende eine Deadline setzen; danach gibt es gemeinsame Freizeit.

Darf man dabei auch von den Kindern etwas verlangen? Oder sollte man jetzt in der Krise etwas nachgiebiger sein?

Nein, im Gegenteil. Man sollte durchaus Regeln aufstellen und sagen: Ich brauche jetzt Ruhe, ich muss mich jetzt konzentrieren. Auch wenn man im Wohnzimmer oder der Küche arbeitet, gibt es in der Regel eine Tür, die man zumachen kann – und das sollte man tun! Dazu könnten Familien beispielsweise ein Ampelsystem einführen. Wenn ein roter Punkt an der Tür klebt, heißt das: Bitte nicht stören. Ein grüner Punkt besagt, ich arbeite zwar, aber man darf auch mal kurz reinkommen.

Wie handhabe ich es, wenn ständig das Telefon klingelt und Großeltern, Freunde, Bekannte sich melden?

Vielen Menschen fehlen die persönlichen Kontakte sehr, gerade Großeltern natürlich. Doch wenn ich zu Hause arbeite, ist Neinsagen gefragt. Da muss ich sagen: Ich telefoniere gerne mit Dir, aber können wir heute Abend reden? Man muss nicht ständig Gewehr bei Fuß stehen. Soziale Kontakte sind sehr wichtig, aber mit Verabredung.

Was mache ich mit Mails und Whatsapp-Chats meiner Firma, die abends noch auf mich einprasseln?

Auch da würde ich auf alle Fälle Regeln einführen. Mit dem Chef muss ich abstimmen, bis wann ich erreichbar sein muss. Bis 17, bis 18 Uhr? Dann muss ich eine klare Ansage machen: Ich bin bis dahin verfügbar, dann geht es am nächsten Tag weiter.

Und die wichtigste Frage zuletzt: Homeoffice im Pyjama – oder im Anzug?

Im Anzug, ganz klar! Zur Beibehaltung von Ritualen gehört das dazu: Ich stehe morgens auf, dusche, ziehe mich ausgehfähig an, frühstücke und gehe dann an meinen Arbeitsplatz, egal, ob der in der Küche ist oder im Schlafzimmer. Das hat etwas mit der persönlichen Einstellung zu tun: Im Schlafanzug bin ich einfach nicht in der Arbeit.

Interview: Nina Praun

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