München – Peter Zilles fühlt sich hin und her gerissen. Einerseits möchte er gerade jetzt viele bedürftige Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Andererseits will er die Helfer schützen. Und beides lässt sich zur Zeit schwer vereinbaren. So wie Zilles, dem Vorsitzenden der Tafeln in Bayern, geht es gerade den meisten Ehrenamtlichen. Sie wollen unbedingt helfen – und gleichzeitig wollen sie vorsichtig sein, um sich nicht mit dem Coronavirus zu infizieren. „Der Großteil unserer Ehrenamtlichen ist weit über 60, eher über 70“, sagt Zilles. Die Senioren zählen zur Corona-Risikogruppe und sollten andere Menschen meiden. „Aber es tut ihnen in der Seele weh, nun nicht mehr mit anpacken zu können.“
Die Arbeit der Tafeln ist während der Corona-Krise in doppelter Hinsicht schwer. Nicht nur, weil Helfer fehlen und die Kosten für Autos und Miete weiterlaufen. Auch die Lebensmittelspenden sind in einigen Regionen deutlich zurückgegangen, seit die Supermärkte mit den Hamsterkäufern zu kämpfen haben. „In einigen Orten gibt es 40 bis 60 Prozent weniger Lebensmittel für die Tafeln“, berichtet Zilles. Andere Regionen haben Glück und bekommen Waren gespendet, die die Gastrobetriebe aktuell nicht brauchen.
Doch selbst wenn genügend Obst, Gemüse, Backwaren, Nudeln und Hygieneartikel gespendet werden, bleibt das Problem, dass die Ehrenamtlichen die nötigen Mindestabstände nur schwer einhalten können. Denn die meisten Tafeln kämpfen sowieso mit Platzmangel. Die Helfer sind zwar kreativ, um Lösungen zu finden. Einige Tafeln haben Zonen abgeteilt und Tüten oder Kartons für die Kunden vorgepackt, berichtet Zilles. Andere arbeiten sogar mit Security, damit sich auch am Eingang kein Pulk bildet. „In einigen Gemeinden gibt es auch schon Ideen, die Tafel-Ausgabe für die nächste Zeit in Hallen auszulagern.“ Doch der Kreativität sind Grenzen gesetzt. Zum Beispiel durch den Datenschutz. „Wir können Lebensmittelpakete zwar mit der Post verschicken“, erklärt Zilles. Die Angebote, die von Transport-Unternehmen kamen, müssen die Tafeln aber ablehnen. Denn sie dürfen keine Adressen weitergeben. „Außer mit Einwilligung, aber das wäre gerade fast unmöglich zu organisieren.“
In den vergangenen Wochen mussten 75 der 169 bayerischen Tafeln schließen. „In einigen Kommunen stellt das Sozialamt Gutscheine aus“, berichtet Zilles. „Aber nicht alle unsere Kunden sind dort als bedürftig gemeldet.“ Und selbst, wenn die angekündigten finanziellen Hilfen der Wirtschaft kommen und die Tafeln Großeinkäufe machen könnten, würde das wohl oft an dem fehlenden Angebot in den Supermärkten scheitern, glaubt Zilles. „50 Paletten Zucker oder Mehl würden wir auch als Landesverband grade nirgendwo bekommen.“
Es ist eine schwierige Situation, sagt er, betont aber auch, dass die Tafeln keinen Versorgungsauftrag haben. „Durch unsere Arbeit unterstützen wir Bedürftige, damit ihnen Geld für soziale Teilhabe bleibt. Die fällt allerdings gerade auch weg.“ Trotzdem sei die Situation für die Tafel-Kunden besonders bitter. Denn in den Supermärkten seien durch die Hamsterkäufe günstige Lebensmittel schwerer zu bekommen. Viele Tafel-Kunden würden sich nun auch nicht mehr trauen zu kommen, weil sie selbst auch Rentner sind und Angst haben, sich in den Warteschlangen anzustecken. Zilles geht davon aus, dass es nach der Corona-Krise mehr Menschen geben wird, die auf die Tafeln angewiesen sein werden. „Wir kämpfen sowieso immer damit, dass unsere Helfer alle im Rentenalter sind“, sagt er. „Wir können jetzt nur hoffen, dass viele nach dieser Zwangspause ihr Ehrenamt wieder aufnehmen.“