Wollomoos – Nina Fuchs leitet das Pflegeheim in Wollomoos im Kreis Dachau. Dort haben die Mitarbeiter gemeinsam einen Notfallplan ausgearbeitet, um zu verhindern, dass das Coronavirus ins Heim gelangt. Der Alltag hat sich völlig verändert – für Pflegekräfte und Senioren. Die Mitarbeiter sind kreativ, damit die Bewohner trotz Besuchsverbot den Kontakt zu ihren Familien halten können. Und trotzdem ist die Angst allgegenwärtig, dass einer der Senioren an dem Virus erkranken könnte.
Wie gehen Ihre Bewohner damit um, dass sie keinen Besuch mehr bekommen?
Erstaunlich gut, sie verkraften das. Wir nehmen uns jetzt noch mehr Zeit für sie, um ihnen zu erklären, dass das zu ihrem eigenen Schutz ist. Wir stellen für sie telefonischen Kontakt zu ihren Angehörigen her, ich informiere die Familien, wie es den Bewohnern geht. Wir müssen die Betreuung nun intensivieren – und dafür die Dokumentation manchmal hintenanstehen lassen.
Wie hat das Coronavirus den Alltag der Pflegekräfte verändert?
Wir haben schon immer einen höheren Betreuungsschlüssel im Heim, es gibt keine geschlossenen Stationen, die Bewohner sind viel draußen im Garten. Das Coronavirus macht es uns schwer, dieses Konzept aufrechtzuerhalten. Wir bemühen uns darum, dass unsere Bewohner trotzdem viel nach draußen kommen. Ich bin fest überzeugt, dass man krank wird, wenn man nur im Zimmer sitzt. Wir haben dafür den Garten und die Terrassen in viele einzelne Bereiche unterteilt. Da kommen uns unsere 8000 Quadratmeter Grund sehr zugute. Wenn das Virus ins Heim kommt, dann über die Pflegekräfte.
Was tun Sie, um das zu verhindern?
Wir nutzen nun für jeden Gebäudeteil getrennte Eingänge und Umkleiden. Die Pflegekräfte tragen ständig Mundschutz, und im Umgang mit Bewohnern, die besonders gefährdet sind, auch Schutzkleidung. Die Hälfte der Belegschaft hat gerade frei, die andere arbeitet eine Woche, dann wechseln wir. Denn wenn es eine Infektion geben würde, könnte schlimmstenfalls nur die halbe Belegschaft nicht mehr kommen können. Ich war immer sehr stolz darauf, dass die Pflegekräfte bei uns viel Zeit für die soziale Betreuung haben. Dafür arbeiten die Schichten zwischen 11 und 15 Uhr normalerweise überlappend, die Hälfte der Pflegekräfte ist nur für die Betreuung da. Das ist nun komplett weggebrochen. Die Schichten begegnen sich nicht mehr, es läuft alles nur bei der Verwaltung zusammen. Die Pflegedienstleitung und ich übernehmen die logistischen Aufgaben: Desinfektionsmittel austauschen, Müllsäcke wegbringen, Medizinlieferungen sortieren. Das ist eine riesen Herausforderung. Unseren ersten Notfallplan haben wir nach zwei Tagen umgeschmissen, weil wir gemerkt hatten, dass wir viele Kleinigkeiten nicht bedacht hatten.
Wie lange können Sie mit dem Notfallplan arbeiten?
Wir haben bis nach Ostern geplant. Wichtig ist dafür aber, dass uns Handdesinfektionsmittel und Mundschutz nachgeliefert werden. Eine Reserve haben wir noch – aber es muss sichergestellt sein, dass wir Nachlieferungen bekommen.
Wie groß ist die Angst der Bewohner?
Einige haben große Sorgen um ihre Kinder und Enkel zu Hause. Die Angst ist allgegenwärtig. Wir laufen sonst nie mit Mundschutz rum, jetzt wird sogar das Essen so gebracht. Das ist eine Veränderung, die jeder Einzelne bemerkt – selbst die, die es nicht mehr artikulieren können.
Wie bedrückend ist die Stimmung im Heim?
Es ist eine Art Geisterstimmung gerade – und das ist für einige das Allerschlimmste. Wir haben einfach große Angst, das Virus ins Heim zu bringen. Wir tun alles, um das Risiko so gering wie möglich zu halten. Wir lassen zum Beispiel nur noch einen unserer Hausärzte ins Haus, alle anderen kontaktieren wir telefonisch. Wir frühstücken nicht mehr zusammen wie sonst. Es geht jedem von uns nur um die Bewohner.
Gibt es auch in dieser Zeit noch schöne Momente?
Ich mache viele Handyfotos von den Bewohnern, die wir an die Angehörigen schicken können. Und wir haben viele Briefe geschrieben, zum Beispiel an die Ehepartner. Wenn jemand das nicht selbst konnte, haben die Pflegekräfte das übernommen und die Bewohner haben einen bunten Daumenabdruck drunter gesetzt.
Haben Sie viele Ausfälle beim Pflegepersonal?
Bis jetzt noch nicht. Einige Pflegekräfte aus dem Ausland haben sogar ihren Urlaub in der Heimat abgebrochen, als sie von der Gefahr durch das Virus gehört haben. Sie wissen jetzt natürlich nicht, wann sie wieder zurück können zu ihren Familien – weil die Grenzen ja geschlossen sind. Andere würden gerne zur Unterstützung kommen, sitzen aber in ihrer Heimat fest. Unsere größte Sorge sind aber die Bewohner. Viele haben mehrere Krankheitsdiagnosen, das Virus ist für sie unheimlich gefährlich. Es ist wirklich grausam.
Interview: Katrin Woitsch